Teil eines Werkes 
1. Theil (1856)
Entstehung
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19. Eine Frau von Ehre.

Die kleine Geſellſchaft trat ein und ſah ſich bald in der Schenk⸗ und Barbierſtube der belobtén Witwe. An einigen Tiſchen ſaß männliche Geſellſchaft, ein Schlag Menſchen, die weder Zutrauen für ſich, noch für die Wirthin einzuflößen im Stande waren. Sie unterhielten ſich mit Würfel und Karte, und der vor ihnen dampfende Punſch zeigte zur Genüge, was ihr Geſchmack war. Flaxmann hatte die Scene kaum über⸗ blickt, als er ſehr lebhaft an die edle Verſammlung im Kaffeehauſe vor dem Dammthore in Hamburg erinnert wurde, ja er glaubte für den erſten Augen⸗ blick dieſelben Geſichter zu ſehen, welche ihn dort um⸗ geben hatten, und ein ängſtliches Gefühl überkam ſeine Seele. Die ſchauerlichen Erlebniſſe jener wüſten Nacht und jenes grauenvollen Tags, wo er im Spiel ſeine letzte Habe verloren, wo ihn Liebeswahnſinn, Ver⸗ zweiflung und die nichtswürdige Liſt ſeiner Umgebung zu einem ſchrecklichen Schritte getrieben hatten, zogen in düſtern Schattenbildern raſch an ſeinem innern Auge vorüber, und es gemahnte ihn wie ein Traum, daß der Gegenſtand ſeiner glühendſten Wünſche, das reizende Ziel ſeines kochenden Rachegefühls, die eigent⸗ liche Urſache jenes verzweifelten Schrittes nun neben ihm ſtand, nicht mehr von ihm begehrt, nicht erſehnt, ſondern freiwillig von ſeinen Wünſchen aufgegeben, die nun weit flatterten nach einem andern Gegenſtand einer neuen heißen Sehnſucht. Aus dieſem träumeri⸗ ſchen Brüten ſchreckte ihn der Blick eines der Spie⸗