Teil eines Werkes 
1. Theil (1856)
Entstehung
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baumlangen Kerl in däniſcher Lieutenantsuniform, wel⸗ cher ſein kupferrothes Geſicht an den untern Fuß des einen Schiebefenſters legte und mit großen ſchwarzen Augen die Stube durchmuſterte. Dieſe ſchmunzelnden Augen blieben an einem ſchönen Jüngling hängen, der am Spieltiſch mit zitterndem Krampf die Karten faßte und mit ängſtlichem Blick in die bunten Blätter ſtarrte, nichts weiter gewahrend und beachtend. Seine hohe Stirn, zwar von der Sonne verbrannt, zeigte doch in den Winkeln der Schläfe, in den bedeutungsvollen Falten über den zarten Brauen und in den Naſen⸗ winkeln eine feine bläuliche Haut, ſeine Naſe war eine von denjenigen, welche man mit dem Beiworte vornehm zu bezeichnen pflegt, d. h. ſie wahr mäßig groß, ſanft gebogen und verlieh dem Geſicht etwas Würdevolles. Ein paar blaue Augen verkündeten milden Sinn und Verſtand, obgleich ſie jetzt von Leidenſchaft und Schlafloſigkeit erhitzt, trüb auf dem unſeligen Papier ſchwammen. Mit dem übrigen Ge⸗ ſicht ſtand der Mund im Widerſpruch. Scharf geſchnit⸗ ten und in den Winkeln herabgezogen, ſchien er Hohn, und im Aufwerfen der Unterlippe Trotz zu verkünden. Die Lippen entbehrten jener friſchen Röthe, welche in dieſen Jahren ſie gleichſam zu zwei Purpurroſen um⸗ wandelt, die verlangend und reizend den Lippen⸗Roſen der Geliebten entgegenblühen. Die Blüthen dieſes Jüng⸗ lings ſchienen von einer vorzeitigen Sommerglut ge⸗ welkt zu ſein. Wenn man den Widerſpruch in dem intereſſanten Geſichte überſah, ſo ſchien es, Kälte über die Geſtalt ausgegoſſen, die an Theilngk loſigkeit grenzte, aber bei genauerer Betrachtung konnte keinem Beobachter das leiſe fieberhafte Zucken entgehen, das über das Geſicht fuhr, wie ein fernes Wetter⸗ leuchten über den abendlichen Sommerhimmel; auch

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