14
man ſie zu Anhaltepunkten für Selbſtſucht und Eitel⸗ keit macht.“
„Aber bringt es doch die Sitte mit ſich,“ wagte Joſephine entgegenzuhalten,„in der Kirche in beſter Kleidung zu erſcheinen.“
„Eine Sitte, die, wie die Erfahrung lehrt, in den meiſten Fällen zur Unſitte herabſinkt,“ ſprach Ehregott,„kann nie maßgebend ſein.“
„Aber mein Gott,“ meinte Marianne,„als Aſchenbrödels können wir doch nicht zur Kirche gehen?“
„Davon iſt auch gar nicht die Rede,“ erwiederte der Hauslehrer,„auch brauch' ich Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß zwiſchen der Kleidung einer Aſchen⸗ brödel und dem neuen roſa Atlaskleide, welches Fräulein Marianne am jüngſten Sonntag zum er⸗ ſtenmal in die Kirche trug, und welches ſicher die Bewunderung der ganzen Kirchfahrt auf ſich gezoge hat, ein ſo großer Unterſchied ſtattfindet, daß ſich
wohl einige Mittelſtufen ausfindig machen laſſen
dürften.“
Auf dieſe Weiſe kämpfte Ehregott oft gegen Angriffe, durch welche er das, was er für heilig hielt, verletzt oder gemißbraucht glaubte. Auch gegen alles
Unwahre, gegen Heuchelei, Schmeichelei und wie dieſe unſaubern Blüten der Selbſtſucht alle heißen,
————


