12 „bin ich wirklich gar nichts nütze für das vorneh⸗ mere Leben?“
Erſt als die Stille des Abends und die Ein⸗ ſamkeit ihres Stübchens ſie umgab, kam ſie wieder etwas zu ſich ſelbſt und fühlte ſich wohler. Aber die Betrachtungen, die ſie nun anſtellte, waren auch wenig erquicklich. Welche, von der ihrigen ſo ganz abweichende Anſchauung des Lebens hatte ſie in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes bereits kennengelernt?
Gefühle, Anſichten, Perſönlichkeiten, die ihr zeitle⸗
bens für hochwürdig und heilig galten, fielen der Gleichgiltigkeit, ja ſelbſt dem Spotte anheim. Wer hatte Recht? Ihr edles, reines Gemüth, ihr natür⸗ licher Verſtand, ihr Sinn für das Heilige, oder die leichtfertige Philoſophie der beiden mit ihrem Ver⸗ ſtande prunkenden Fräuleins? Auf welcher Seite be— fand ſich die Wahrheit? Ach, ſelbſt ihr frommer Gottesglaube, ihre Liebe zu ihrem Heilande hatte vor der rationaliſtiſchen, religiöſen Anſchauung des Schwe⸗ ſternpaares keine Gnade gefunden und war für Fröm⸗ melei, Aberglauben und Pietiſterei erklärt worden⸗ Sie gedachte der Mutter, ihrer umfriedeten Heimat,
der glücklichen Kindheit, und manche Thräne entperlte
ungeſehn im Dunkeln ihrem Auge.
Nach einiger Zeit ſtand Marie auf und trat
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