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Sehen Sie, das iſt Poeſie, da iſt Kraft, Energie. Solche Verſe müſſen Sie lernen, wenn Sie mit dem Geiſte des Jahrhunderts fortſchreiten wollen.“
Marie ſchauderte. Marianne fuhr fort:„Was wollen Sie nur für eine Rolle in unſern Soiréen ſpielen, wo ſoviel von neueſter Literatur die Rede iſt? Wenn wir Ihnen auch nicht anmuthen, ſelbſt Verſe zu machen, weil das eine Gabe des Genies, ſo iſt doch der Vortrag neuerer Dichterwerke unerläßlich. Alſo werfen Sie Ihren alten, hausbacknen Gellert getroſt ins Feuer und ſtudiren Sie Heine, Freiligrath, Herwegh, die blutenden Lieder von Harro Harring. Wir werden in den nächſten Tagen Soirée bei uns haben, wo Adel und Schöngeiſter verſammelt ſind. Da werden Sie erſtaunen, da werden Sie erkennen lernen, was Pveſie heißt, Deklamation und Vortrag.“
Als Marie am Abende dieſes Tages in ihr Kämmerlein trat, athmete ſie ordentlich auf, ſo wüſte und angſtbeklommen war ihr den ganzen Tag über geweſen. Sie war ob der unterſchiedlichen Prüfun⸗ gen, die von den Fräuleins mit ihr angeſtellt wor⸗ den waren, und die ſie ſo ſchlecht beſtanden hatte, ordentlich irre an ſich geworden.
„Bin ich wirklich ein ſo verwahrloſtes Geſchöpf, das nichts verſteht, nichts begreift?“ frug ſie ſich—


