Teil eines Werkes 
4. Supplement-Band, Moosrosen : Novellen und Erzählungen : 3. Theil (1864)
Entstehung
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Gedanken nachhängen kann, zumal wenn ſie Einen begraben haben und die Leute den Friedhof wieder verlaſſen und es wieder ſtill geworden und die unter⸗ gehende Sonne am Erdrande ſteht. Da iſt ein gar ſeltſam Flüſtern. Die Halme auf den Gräbern er⸗ zählen ſich und die Blätter des Lindenbaums des⸗ gleichen. Iſt es ein Todtengericht, das ſie über den ſveben Heimgegangenen halten? Zuweilen erzählt auch der alte Lindenbaum gar wunderſame, märchen⸗ duftende Dinge. Man muß nur recht aufpaſſen, ſo verſteht man ſie wohl. Und der Lindenbaum kann viel erzählen, denn er hat viel erlebt und Manchen hereintragen ſehen durch das ſchwarze Gitterthor. Da erfährt man Geſchichten, die man ſonſt nimmer zu hören bekommt im Menſchenleben und die auch in keiner Zeitung ſtehen.

An einem ſchönen Frühlingsabende, wo die Sonne hinter blühenden Kirſchwäldern untergegangen und die Dorfglocke den Tag zur Ruhe läutete, erzählte mir der Lindenbaum unter Anderem:

Es giebt eine heilige Mitternacht im Jahre den Menſchen unbekannt da beginnen manche Gräber, ſobald das tiefſte Dunkel herabgeſunken, in himmliſchem Schimmer zu leuchten, in der Regel ganz einfache, ſelbſt mit keinem Kreuzlein geſchmückte, längſt vergeſſene Gräber, während andere mit prachtvollen Marmorſarkophagen und goldenen Inſchriften im tiefſten Dunkel verharren. Und iſt der rechte Augen⸗ blick gekommen, da erbebt die Mitternacht und die leuchtenden Gräber öffnen ſich, ſo daß man bis auf ihren Grund ſehen kann. Da erſchaut man aber keine abſchreckenden Todtengerippe, nicht Moder und Aſche. Die Schläfer ruhen in himmliſche Roſen ge⸗ bettet, in verklärter Geſtalt, ganz der geiſtigen Schöne und der Schöne des Herzens entſprechend, die ſie auf