184
Erden bewährten. Und bei jedem der Schläfer ſitzt ein Engel, welcher nach einer diamantenſtrahlenden Uhr ſchaut, ob der Weiſer nicht bald auf der Auf⸗ erſtehungsſtunde ſteht, um den Schläfer mit einem Kuß für den himmliſchen Morgen zu wecken. Zu⸗ weilen auch neigt ſich der Engel über den Träumen⸗ den und flüſtert ihm leis in's Ohr und dann ver— klärt ſich das ſchöne Antlitz zu einem ſeligen Lächeln. Wahrſcheinlich iſt es ein holder Roſentraum, welchen der Engel ſeinem ſchlummernden Schützlinge zuflüſtert.“
Ich ſagte zum Lindenbaum:„Das müſſen gewiß alles recht vortreffliche Menſchen geweſen ſein, deren Gräber in heiliger Mitternacht leuchten?“
„Das will ich wohl meinen,“ erwiderte der Lin— denbaum.„Es waren im Leben blühende Herzen, die Gott über Alles, ihren Nächſten wie ſich ſelbſt liebten und für dieſe ihre Liebe nach dem Vorbilde ihres himmliſchen Heilands in den Tod gingen. O,“ fuhr der alte Lindenbaum fort,„wie leuchten in der heiligen Mitternacht ſo ſchön die Gräber, wo man manch' gebrochen Mutterherz hinabgeſenkt, wie ſchön die Gräber, wo die Kämpfer ruhen, deren ganzes Leben heiliger Kampf war für Wahrheit und Recht, deren Herzen ſo heiß ſchlugen für das Wohl ihrer Mitmenſchen, bis ſie in dieſem heiligen Kampfe dem Tode als Opfer fielen.— Wunderbar ſchön,“ erzählte der alte Lindenbaum weiter,„leuchtete im letzten Jahrzehnt ein Grab dort ganz im Winkel des Kirchhofs, wo man Verbrecher mehr einzuſcharren als zu begraben pflegt. Auch mit den drei Jünglingen, die dort ruhen, war dies der Fall. Kein Hügel durfte errichtet und in den erſten Jahren ſelbſt kein Kranz von liebenden Händen niedergelegt werden. Mit ihren blühenden Herzen, in morgenrother Be⸗ geiſterung und opferfreudiger Hingebung für ihr


