Teil eines Werkes 
4. Supplement-Band, Moosrosen : Novellen und Erzählungen : 3. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

24

Liebethal, bewohnt, der ſeine Familie zwar dürftig, aber redlich ernährte und dem Emantel, wenn es an Arbeit manchmal mangelte, immer Beſtellungen zu verſchaffen bemüht war. Der edle Mann war darum in dieſem kleinen Hauſe nicht unbekannt. Er kehrte auf ſeinen Spaziergängen von Zeit zu Zeit hier ein und befand ſich unter der armen Familie ſtets recht wohl. Namentlich freute ihn, wie die Kinder ſorgfältig erzogen, wie ſie voller Liebe und Ehrfurcht gegen ihre Eltern waren; wie ſie bei aller Dürftigkeit doch immer reinlich und ſauber gekleidet gingen und wie ſelbſt die Kleineren ſchon an eine nützliche Thätigkeit gewöhnt wurden. Bis auf das vierjährige Chriſtelchen mußten ſich alle ſchon Etwas verdienen und waren es auch nur einzelne Pfennige. Und welche Freude, wenn endlich nach mehrmonat⸗ lichem Fleiße und ſorgſamſter Erſparniß die Pfennige, zu einem Sümmchen angewachſen, ein neues Weſt⸗ chen, oder Röckchen oder Schürzchen anzuſchaffen halfen. Die nicht zu große Stube mit ihren zwar einfachen, aber ungemein reinlich gehaltenen Möbeln gewährte einen gar gemüthlichen Aufenthalt. An den Fenſtern blühten in Töpfen ſorgſam gepflegte Blumen, wie ſie die Jahreszeit mit ſich brachte. Auch an einem alten Clavier fehlte es nicht, ein Erbſtück vom Groß⸗ vater, der Schulmeiſter geweſen, auf welchem In⸗ ſtrument Martin und Marie, die beiden Aelteſten, ſich in den Feierabendſtunden oft recht angenehm vernehmen ließen, da ihnen vom Herrn Cantor unentgeldlich Muſikunterricht ertheilt worden war. So mußte bei aller Dürftigkeit auch zu Futter für den treuen Wackermann, den Haushund, und für Hänschen, das Rothkehlchen, Rath werden, welche beide Thiere zur Familie gehörten.