Teil eines Werkes 
4. Supplement-Band, Moosrosen : Novellen und Erzählungen : 3. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

Bei den ihm untergebenen Beamten war er trotz ſeiner chriſtlichen Demuth nicht beliebt. Namentlich vermißte man chriſtliche Milde und Nachſicht bei Be⸗ urtheilung der Schwächen des Nebenmenſchen. Mus⸗ mann galt für ſehr wohlhabend, doch wollte die böſe Welt wiſſen, daß er den größten Theil ſeines Vermögens heimlichen Wuchergeſchäften zu verdanken, wodurch manche ſonſt ehrbare Familie an den Bettel⸗ ſtab gebracht worden.

Auch hier brannte der Chriſtbaum. Es ging überaus fromm und ſeriös dabei her. Es ward widerholt gebetet und geſungen. Als Emanuel ein⸗ trat, ward er mit kriechender Freundlichkeit und Un⸗ terwürfigkeit bewillkommnet. Man ging ſo weit, in dem hohen und ehrenden Beſuche dieGnade des Herrn zu erkennen. Den Namen deslieben Herrn Heilands konnte man vernehmen, wo man immer hinhörte.

Der fromme Herr des Hauſes ergriff die ihm ſehr paſſend dünkende Gelegenheit, gegen Emanuel ſein Herz über die Glaubensloſigkeit und Gottloſig⸗ keit der Welt und ihr böſes Treiben auszuſprechen, wobei es an nicht eben chriſtlichen Anſpielungen auf renommirte Familien der Stadt nicht fehlte. Da⸗ für ward das Leben im eigenen Hauſe in möglichſt fromme Beleuchtung geſtellt.

Ja, fuhr der Miriſterialſekretair Musmann fort,ich ſollte es eigentlich nicht ſagen, weil es wie Selbſtlob klingt, deſſen der wahre Chriſt ſich enthalten ſoll, aber da iſt wohl kein Sonntag im ganzen, in Chriſto jetzt abgelaufenen Jahre geweſen, der die Meinigen nicht an heiliger Stätte erblickt hätte. Die Ausflüchte, die andere Familien ſo gern vorſchützten, um ſich des fleißigen Kirchenbeſuchs