Teil eines Werkes 
4. Supplement-Band, Moosrosen : Novellen und Erzählungen : 3. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

12

heit zu erforſchen in ihren letzten Gründen. Jahre⸗ lang hatte er dem dunkeln Principe des Böſen nach⸗ geſpürt, das dem denkenden Menſchengeiſte von Zo⸗ roaſter bis Hegel ſo reichen Stoff zum Philoſophiren geboten. Er glaubte auf dieſem Wege die Wahrheit zu finden. Vergebens. Tiefe innere Zerriſſenheit, namenloſe Qualen waren der Lohn ſeiner mühvollſten Forſchung. Die erſtrebte Wahrheit ſtand ihm ferner denn je. Da führte ihn an einem heitern Sonn⸗ tagvormittage der Zufall, wie es kurzſichtige Menſchen nennen, nein, die Vorſehung in eine kleine freund⸗ liche Dorftirche, wo ein nicht mehr junger aber mit noch jugendlicher Friſche ausgeſtatteter evangeliſcher Prediger in tiefer, feſter Ueberzeugungstreue, wie ſie nur die göttliche Kraft des Glaubens zu verleihen vermag, über die Tertesworte ſprach: Ich bin die Wahrheit und das Leben. Wer mir nach⸗ folgt, wird nicht wandeln in Finſterniß. Zugleich ſprach dieſer begeiſterte Verkündiger des gött⸗ lichen Worts mit ſolcher Klarheit, mit ſolcher Liebe und Milde, mit ſolcher Glaubensinnigkeit und Sieges⸗ ſicherheit, daß es am Schluſſe ſeines Vortrags wie Verklärung über ſein edles Antlitz leuchtete. Noch nie hatte Emanuel eine ſolche Predigt vernommen, wie vielen Kanzelvorträgen er auch in ſeinem Leben beigewohnt; aber die handwerkmäßig ortho⸗ doren hatten ihn angewidert, die dürren rationellen nicht erquickt. Darum hatte er ſchon lange Zeit die Kirche geflohen wie ein Krankenhaus. Selbſt ge⸗ feierten Predigern war es nicht gelungen, in ihm das Bedürfniß rege zu machen, ſie öfters zu hören. Die göttliche Gewalt des Evangeliums war ihm aus keiner von all den gehörten Predigten entgegengetreten. Erſt dem einfachen Landprediger war es vorbehalten.