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Stimme, ſein Antlitz auf des Geliebten Knie beugend und die Hände des Sterbenden mit Thränen und Küſ⸗ ſen bedeckend,„nein, nein, Du kannſt, Du darfſt uns nicht verlaſſen.“
Schon ſanken dunkle Schatten des Todes über das bleiche Antlitz; da fiel der letzte Blick Ottokar's auf Veronika. Noch einmal leuchteten die halbgebrochenen Augen auf in überirdiſchem Glanze; um den Mund ſpielte ein ſeliges Lächeln; er reichte die Hand der Ge⸗ liebten ſeines Herzens und ſprach mit der gewohnten ſanften Stimme:
„Meine Miſſion iſt zu Ende ich war ſein Engel, wie Du mir geheißen— von nun an ſei Du es, Veronika.“
Es waren die letzten Worte Das Haupt ſank auf die Bruſt. Der Edelſte war nicht mehr. Wie ſein Leben, ſo ſein Ende— das Ende des Gerechten, entſchlummert in den Armen derer, die er liebte, für die er lebte, litt und ſtarb.
Weinend klang das Vaterunſer der Zurückgebliebenen zum Herbſthimmel empor; von dem Herrenhauſe herüber tönte die dritte Stunde und in der Ferne glänzte ſtill der Spiegel des Meeres.
Der getreue Severin überlebte ſeinen Ottokar nicht lange. Er ſtarb, ein Opfer des damals herrſchenden Nervenfiebers, wenige Monate ſpäter.
Lange Zeit bedurfte es, ehe die Wunden einiger⸗ maßen verharrſchten, welche durch ſo herbe Verluſte den Ueberlebenden waren geſchlagen worden. Aber welche Wunde gäbe es hiernieden, die von der allmächtigen Tröſterin, der Zeit, wenn auch nicht vollkommen geheilt, deren Schmerz doch ſehr gelindert würde?
Stolle, Schriften. Supplem. UI. 13
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