161
nicht, warum ich vor Jemandem, wenn er ſich ſonſt durch Nichts auszeichnet, bloß deshalb mehr Reſpeet haben ſollte, weil er weiß, wie ſeine Vorältern ge ei⸗ ßen und was ſie geweſen ſind. Es iſt mit dem gan⸗ zen Geburtsadel eine ſonderbare Sache, die ſogar lächer⸗ lich wird, ſobald wir annehmen, daß die ganze Menſch⸗ heit von Einem Paare abſtamme.“
„Was mich anbelangt,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſo bereue ich es durchaus nicht, daß ich von Adel bin; nicht daß ich mich für etwas Beſſeres halte als jedes andere ſtaubgeborne Erdenkind, ſondern weil die ganze geburt⸗adelige Geſellſchaft auf Erden gleich⸗ ſam durch ein geiſtiges Band vereint wird, ſo daß man aller Orten auf befreundete Elemente trifft, welche die geſelligen Formen liebenswürdiger beobachten; und daß man Zutritt ſelbſt in ſolche Kreiſe hat, die dem Bür⸗ gerlichen verſchloſſen ſind.“
Arthur ſtimmte hier vollkommen bei; Severin aber ärgerte ſich hauptſächlich über den letzten Satz, wo⸗ durch er die Würde als Menſch beleidigt fand. Er kehrte daher ſogleich die republikaniſche Seite heraus und behauptete, daß es in wenigen Decennien keinen Adel auf Erden mehr geben würde, weder Geburt⸗ noch Geldadel.“
Ottokar widerlegte dieſen Ausſpruch auf eben ſo ruhige als einſichtliche Weiſe, Arthur ſprach ſich ariſto⸗ eratiſcher aus. Severin ſtritt in's Blaue hinein, ob⸗ ſchon er manches Wahre zum Vorſchein brachte. Er pflegte in derlei Geſprächen die Sachen ſtets auf die Spitze zu treiben und da war es kein Wunder, wenn er gegen den gemäßigten und beſonnenen Ottokar alle⸗ zeit den Kürzern zog.
Erſt nach langen Debatten trennten ſich die Freunde.
11
Stolle, Schriften. Suppl. I.


