Sie gehörten einer längſt vergangenen Zeit an. Da rauſchten noch jene ſchweren gewirkten franzöſiſchen Tapeten, wie ſie unter Ludwig dem Vierzehnten die Salons des hohen Adels ſchmückten; da erblickte man noch jene ſchwere Gediegenheit und jenes ſonderbare und kunſtreiche Schnitzwerk an Tiſchen und Stühlen, jenes geſchmacklos geformte Meißner Porzellan.
Mit eigenſinnigem Trotze hatte die Gräfin Ros⸗ witha nie geduldet, daß man an irgend einem Ge⸗ genſtund in ihrem Zimmer eine erneuernde Hand legte.
So ſaß dieſe Repräſentantin einer längſt verſchol⸗ lenen Zeit, fremd mit der Außenwelt und deren Be⸗ dürfniſſen und immer hartnäckig in ihren Herrſcher⸗ launen, ſtets mit eigenſinniger Sorgfalt gekleidet, bereits ſeit länger denn zwanzig Jahren auf ihrem Rollſtuhle.
Jahr aus Jahr ein, bei heiterm oder trübem Wet⸗ ter waren Rolleaux und Vorhänge dicht herabgelaſſen, ſo daß ſtets eine beengende Dämmerung in dem hohen ſalonähnlichen Zimmer herrſchte. Ob draußen auf den Bergen die jungen Knospen ſprangen oder der Herbſt die gelben Blätter von den Bäumen wehte, erfuhr die Gräfin nur aus dem Kalender— ſie hatte ſeit zwanzig Jahren keinen Blick aus dem Fenſter gethan.
Dieſe freiwillige Gefangenſchaft war nur die Folge einer eigenſinnigen Laune und ein charakteriſtiſches Merk⸗ mal ihres eiſernen Charakters. Vor langen Jahren befand ſich die Gräfin in der benachbarten Reſidenz auf dem Hofballe. Einer der anweſenden fürſtlichen Prinzen, welcher ſich gern mit der geiſtreichen Frau unterhielt, ſagte unter andern zu ihr:„Gräfin, ich würde mir ſchon längſt das Vergnügen gemacht haben, Sie auf Ihrem ſchön gelegenen Hohenſtein zu beſuchen,


