Der junge Mann ſchlug jetzt das Buch auf und las: „Wenn der Menſch nichts mehr zu lieben hat, ſo umfaßt er das Grabmal ſeiner Liebe und der Schmerz wird ſeine Geliebte.“ „Das iſt mir zu hoch und zu ſentimental,“ geſtand Rafaele.
„Wunderſchön,“ flüſterte Veronika, und ſchaute mit ſinnender Wehmuth über die Blumen.
„Schmerz— Grab— nein, davon kann ich Emi⸗ lien nichts in's Stammbuch ſchreiben,“ fuhr Ra⸗ faele fort;„bitte, lieber Vetter, Sie beſorgen mir ein hübſches Verschen? Sie ſind ein beleſener Mann, ein Dichter obendrein, Ihnen kann's gar nicht ſchwer wer⸗ den. Aber da ſehen Sie, mit Ihrer wehmüthigen Sen⸗ tenz haben Sie die Veroni noch trauriger geſtimmt. Beruhige Dich, Mädchen, ein Brief aus Paris macht Alles wieder gut. Nicht wahr Kind? Und der kann gar nicht lange ausbleiben. Die vergangene Nacht hat mir von dem Poſtboten geträumt.“
Veronika hatte ſich erröthend abgewandt. Ra⸗
faele aber flüſterte Ottokar'n ſchwatzhaft zu:„Wiſſen
Sie, warum das Schweſterchen ſo traurig? Weil der
Guido lange nicht geſchrieben hat.“
Ein unbeſchreiblicher Schmerz zuckte bei dieſen Wor⸗ ten durch die Bruſt des jungen Mannes. Die Thrä⸗ nen waren ihm nahe; doch bezwang er ſich. Rafaele in ihrer Unſchuld ahnte nicht, wie tief ſie den Lieben⸗ den verwundet und plauderte unverdroſſen weiter. Da ward die Gartenthür mit Haſt aufgeriſſen und der Graf Günther von Hohenheim, ein hoher Mann von gebietendem Aeußern kam mit raſchen Schritten den Gang daher. Sein Blick war finſter, ſeine Stirn um⸗ wölkt. Er winkte den Mädchen, ſich zu entfernen. Als er mit Ottokar allein war, ſprach er:


