Zauberhaft dunkelte die Lockennacht um das voll⸗ endete Madonnenantlitz; ein ſeliger Liebreiz umfloß den Mund und in dem ſonnenhaften Auge keimte ein Fünkchen Schwärmerei. Das Mädchen glich einer träumenden Blume, die nach Morgen ſchaut und erſt beim Gruß der Sonne ihre Blätter entfalten wird.
Ottokar blickte mit ſtiller Wehmuth und unend⸗ licher Liebe nach dem ſchönen Mädchen.
„Glücklicher, glücklicher Guido!“ ſprach er,„Du biſt unter Millionen der Beneidenswerthe, der von dieſem Engel geliebt wird. Was iſt Frühling, Frei⸗ heit, Unſterblichkeit gegen einen einzigen Blick der Liebe aus dieſen Augen?“
„Doch nein“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Du biſt nicht glücklich, mein Bruder; was iſt Dir Vero⸗ nika's Liebe mehr, als die Liebe jedes andern Mäd⸗ chens, wie ſie Dir ſo oft entgegenkam auf Deinem blumenvollen Lebenswege. Während hier ein Engel Dein Angedenken in frommer Bruſt treu bewahrt, ſuchſt Du irdiſches Glück im Strudel glänzenden Welt⸗ lebens, und von Genuß zu Genuß eilend, wirſt Du wohl oft Befriedigung, aber nie die wahre Zufrieden⸗ heit ſinden.“
Rafaele, die Himbeerſammlerin, hatte jetzt mit ihren Veilchenaugen den Jüngling entdeckt. Sie kam ſogleich die Hecken entlang und eilte auf ihn zu.
„Zugelangt, Vetter,“ ſprach ſie mit herziger Freund⸗ lichkeit, indem ſie das gefüllte Körbchen Ottokar anmuthig präſentirte,„ſind das nicht wahre Pracht⸗ ſtücken?“
„Wie froh bin ich,“ fuhr ſie plaudernd fort,„daß das entſetzliche Gewitter gnädig vorüber iſt; das waren ja fürchterliche Schläge, das ganze Schloß zitterte. Wie unrecht, daß die alten Ritter nicht Blitzableiter


