138
Der Proviantverwalter glaubte ſich auch nicht be⸗ rufen, mutterſeelenallein den Spuk zu obſerviren, warf ebenfalls das Fenſter zu und ſich mit Fieber⸗ froſt in's Bette.—
Unterdeß waren die Narziſſen wieder auf ihren Beeten angekommen, flüſterten noch ein paar Worte und ſchliefen ein.
4.
Ruhe, tiefe Ruhe ſank wieder herab. Der Mond ſchwamm einſam immer höher und in heiliger Sil⸗ berpracht ruhte der Garten. Ich durchwandelte noch einmal die duftenden Gänge, die ſchlafenden Blumen und wollte, ihrem Beiſpiel folgend, auf mein Stüb⸗ chen zurückkehren, als eine wunderſeltſame Erſcheinung plötzlich meine Schritte feſſelte. Ganz oben auf der Firſte des Hauſes wandelte eine weiße geiſterhafte Geſtalt. Das Blut erſtarrte in meinen Adern. Es war Maria, die todtkranke Maria. Gelöſt floſſen die dunkeln Locken um das ſüße leidende Antlitz. Das wunderbeſeelende, liebetrunkene Auge aber war ge⸗ ſchloſſen wie zum ewigen Schlafe. So ſtand ſie, mit der Linken die eiſerne Blitzableiterröhre umfaßt, deren goldene Spitze weit hinaus im Mondenglanze fun⸗ kelte, gleich einer Pallas in fürchterlicher Höhe und ſchaute wie träumend nach dem leuchtenden Geliebten. Ich hatte ſchon viel von Nachtwandlern gehört, aber noch nie einen geſehen. Ich getraute mir kaum Athem zu ſchöpfen, um ſie nicht zu erwecken. Jetzt ſtieg ſie leicht und ſicher das ſogenannte Katzentrepp⸗ chen an der einen Dachſeite herab, wandelte die Dach⸗ rinne entlang und kam zum Fronton, wo das Fen⸗
ſter, aus dem ſie geſtiegen, noch offen ſtand.


