Teil eines Werkes 
19. Band, Camelien : Novellen und Erzählungen : 2. Band (1854)
Entstehung
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Vor langen Jahren als Hälmchen nur, als Blümchen nie. Nun muß ſie wieder lange Jahre har⸗ ren, ehe ſie als Glöckchen blühen darf. Das Veil⸗ chenkleidchen hätt' ihr gewiß recht lieblich geſtanden. Auch von Roſa hat ſie Abſchied genommen. Dieſe ſoll geweint haben.

Roſa? Wäre ſie wirklich noch ſo gut wie ſonſt?

Viola ſprach viel von ihr. Kein Anflug von Stolz, und ſie ſoll doch himmliſch ſchön ſein.

O Schweſter, ich hätte Luſt, ſie einmal zu ſehen.

Auch ich; wir wollen aber den Mond erwarten. Er muß bald aufgehen.

2.

Weiße Dämmerung lagerte ſich auf den öſtlichen Gebirgen. Die Sterne im Morgen erblaßten. Leichte Schatten zitterten über dem Garten. Die nächtliche Aurora quoll immer freundlicher hervor, und bald keimte der erſte Silberblick des Mondes über den Felſen. Blumenträume flohen aufgeſchreckt von dan⸗ nen.Schon Morgen? flüſterte es hier und da. Manch Blümchen erhob ſchlaftrunken das Köpfchen, ſchaute träumend nach Oſten und ſchlief wieder ein.

Die beiden Narziſſen traten jetzt ihre Wanderung an. Im Schatten von renommirender Salbei ſchlichen ſie dahin. Ueberall träumende Glocken und Kelche, Duft, Kühle und Stille. Nur die brennende Liebe dachte an keinen Schlaf. Fortwährend flammte ſie in unerhörter Glut. Kein Mondſtrahl vermochte ſie zu erquicken; kein Thau des Morgens den glühenden Buſen zu löſchen. In dunklen Gängen leuchteten die