108
Vater beizubringen; das Herz des vor Kurzem noch reichen Mannes war aber für dergleichen Lehren be⸗ reits zu vertrocknet und verknöchert und keiner er⸗ quickenden Wärme mehr fähig. Bereits am andern Tage machte ein Stickfluß dieſem übelvollbrachten Le⸗ ben ein Ende, nachdem der Geiſtliche dem Sterbenden zuvor gelobt hatte, ſich deſſen hinterlaſſenen dreizehn⸗ jährigen Sohnes anzunehmen.
Fünf Jahre waren dahingegangen. Der treue Seelſorger hatte Wort gehalten, und für die Erzie⸗ hung Eduard's van der Weſten beſtens Sorge getragen. Aus den wenigen übrig gebliebenen Trümmern des väterlichen Vermögens war es ihm durch gewiſſen⸗ hafte Verwaltung gelungen, dem Sohne ein kleines Capital zu gründen, womit dieſer nach ehrenvoll be⸗ ſtandener Lehrzeit ein kaufmänniſches Geſchäft begann, denn auch Eduard zeigte die außerordentlichſte Vor⸗ liebe für den Stand des Vaters. Er eröffnete eine Ausſchnitthandlung; indeß wie thätig er ſich auch ſei⸗ nem Beruf widmete, ſchien doch das Unglück, welches ſeinen Vater in den letzten Jahren verfolgt hatte, auf ihn fortgeerbt zu ſein, denn faſt alle ſeine vor⸗ ſichtigſten und verſprechendſten Speculationen ſchlugen fehl, ſo daß er nach Verlauf einiger Jahre ebenfalls an den Bettelſtab gebracht war. Er ſah ſich in die traurige Nothwendigkeit verſetzt, um nur ſeinen dürf⸗ tigſten Unterhalt zu beſtreiten, Lohnſchreiber zu wer⸗ den, da er als zu Grunde gerichteter Kaufmann zu viel Zartgefühl beſaß, in einer andern Handlung als Commis einzutreten und weil ihm bei dem Abſchrei⸗ ben ſeine zierliche Handſchrift wohl zu Statten kam. Sein zweiter Vater, der würdige Geiſtliche, konnte


