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kehren in den Sommermonaten oft Harfenſpieler ein, welche aus Böhmen herüber kommen und die Beſu⸗ cher des Winterberges durch ihr Spiel und ihre Me⸗ lodien erfreuen.
Einſt hatte mich der Abend übereilt und ich war genöthigt, im Winterhauſe zu übernachten. Schon von fern wehte mir durch die Stille des Abends Harfenlaut entgegen. Die Sonne war hinter einer dunkeln Wolkenwand untergegangen, und allmälig verſanken Städte und Dörfer, Berge und Wälder in geheimnißvolles Dunkel. In den Kronen der Win⸗ terberg⸗Eichen rauſchte es märchenhaft. Der Abend⸗ himmel umzog ſich dunkler und in den kleinen Fen⸗ ſtern des Winterhauſes ward es lichthell.
Der Wirth kam mir entgegen, blickte nach Abend, verkündete heut noch ein kleines Unwetter und wünſchte mir Glück, trocken das Winterhaus erreicht zu ha⸗ ben. Ich war heute der einzige Gaſt und trat in die damals noch kleine, aber gemüthliche Fremden⸗ ſtube. Zu meiner Bewillkommnung ertönte eine jener böhmiſchen Nationalmelodien, in welcher, wie in al⸗ len ſlaviſchen Liedern, ein ſo unendlicher Zauber ruht. Es war ein Allegro, aber ein Allegro, das durch Thränen lächelt.
Wer ermißt den abgrundtiefen Schmerz, der in den Mollaccorden jener weithinwohnenden Völkerſchaften ſpricht, die wir Slaven nennen. Sie klagen ſeit Jahrhunderten um einen unerſetzbaren Verluſt, der ſo groß iſt, daß ſie ihn nicht auszuſprechen wagen in Worten; aber wenn wir ihre Lieder hören, verſtehen wir ihn. Weich und thränenvoll legen ſich dieſe Klänge an des Deutſchen Bruſt, die ſo gern theil⸗ nehmend mitſchlägt bei fremden Leiden.
Noch oftmals werden ſich die Berge und Thäler
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