Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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hing; aber heute noch, nach länger denn dreihundert Jahren, muß ich mich wundern, wie die damalige Sicher⸗ heits⸗ und Wohlfahrts⸗Polizei der guten Univerfitäts⸗ ſtadt ein ſolches polizeiwidriges Unternehmen ſo ge⸗ laſſen mit anſehen konnte. Ich kann mir die Sache nur daraus erklären, daß die damaligen weltlichen Behörden, die Fürſten, Grafen und Herren gegen den für ihre höchſt eigenen Gefälle ſo verderblichen Ab⸗ laßkram noch weit aufgebrachter waren als Luther ſelbſt; die heller Denkenden der Univerſität waren über die Abnormitäten der damaligen katholiſchen Kirche längſt im Klaren und der hausbackene, phan⸗ taſieloſe Sinn des Bürgers zu Wittenberg, einer Stadt an der proſaiſchen Elbe, ließ ſich durch die Declamatorien Tetzel's kein für ein U machen. So war Luther nur das Organ der damaligen öffent⸗ lichen Meinung. Er hatte den Muth, ſie auszuſpre⸗ chen und anzuſchlagen an der Schloßkirche zu Witten⸗ berg am 31. Oetober 1517, und zu vertheidigen vor Kaiſer und Reich in der freien Reichsſtadt Worms.

Frühlinge kamen und gingen. Da verſtummten allmälig in Folge jenes verhängnißvollen October⸗ tages die katholiſchen Glocken in den Domen und Hallen, die ewigen Lampen erloſchen, die Heiligen⸗ bilder erbleichten und weinend floh Madonna gen Süden. Aber auch dort, in den Gebieten der weithin rauſchenden Donau, in den fröhlichen Thälern won Ober⸗ und Nieder-Heſterreich, in der eiſenhaltigen Steier, wo Italien herüberrankt mit ſeinen blühenden Armen, und das kernvolle deutſche Wort in melodi⸗ ſchem Wohllaut zerfließt, ward es lutherlaut und tageshelle. Lange Zeit ſchleuderte der Vatican ſeine Blitze gegen den heraufbrechenden Morgen; ſein Reich ſchien zu Ende im deutſchen Lande. Da ſchlug einer