Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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Ich lebe und empfehle mich in der frohen Hoff⸗ nung, daß ſie die Reiſe nicht gereuen wird.

Eine Jewitternacht auf dem Winterberge.

Es war ein klarer, fröſtelnder Spätherbſtmorgen, als Martinus Luther, gefeierten Andenkens, ſeine berühm⸗ ten Controverſen an die Schloßkirche zu Wittenberg nagelte. Die Morgenſonne ſchien ſo nüchtern über die Dächer der churſächſiſchen Univerſitätsſtadt, daß der Reformator für ſeinen hochheiligen Zweck gar keine geeignetere Zeit nihihhrorte Der Frühling mit den blühenden Altären und ſterngeſtickten Nachtigal⸗ nächten war nicht paſſend für die nüchternen Vernunft⸗ ſätze Meiſter Martin's; auch der norddeutſche gluth⸗ und ſchweißreiche Sommer nicht; wohl aber jene klare, leidenſchaftloſe Herbſtſonne, wo die Natur das blühende Gewand abgeſtreift hat, die Sinne unbehel⸗ ligt läßt, und die Contemplative erleichtert. Als nach einigen Wochen die Novembernebel herabſanken, war die Saat bereits geſtreut und in den langen, ofenerwärmten Winternächten fand Bürger⸗ und Rit⸗ tersmann hinlängliche Muſe, über die fünf und neun⸗ zig Sätze nachzudenken. Die Schneedecke des Winters 1517 bis 1518 ſchmolz, donnernd trieben die Eis⸗ ſchollen der Elbe gen Norden da brach die Saat der Reformation wohl erhalten und ſtark hervor.

Ich weiß nicht, wie lange jenes welterſchütternde Placat an der Schloßkirche zu Wittenberg angeheftet

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