Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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einſam blüht, des eigenen Werthes unbewußt, und ſie iſt die Nationalfarbe der ſächſiſchen Mädchen.

O durchwandere nur, geneigter Leſer, an ſchönen Sommerabenden die freundlichen ſächſiſchen Landſtädte, blicke auf nach den Fenſtern, wo Blumen herabnicken, und Du wirſt hinter den Blumen noch ſchönere Blu⸗ men verſteckt finden; wandle nur vorüber an den Steinbänfen vor den Häuſern, wo ſie gern vereint ſitzt die holde nachbarliche Flora, plaudernd und Märchen erzählend, und Du wirſt ſie oft der glän⸗ zendſten Damengallerie des Ballſaals vorziehen. Kehre nur ein in den einſam gelegenen Maiereien, den im Waldesgrün vergrabenen Förſterwohnungen und den hinter blühenden Linden verſteckten Pfarrhäuſern, und Du wirſt erkennen, daß in Sachſen auch Engel blühen, von denen kein Geograph und ſelbſt der königlich ſächſiſche ſtatiſtiſche Verein Nichts weiß.

Indem ich dies ſchreibe, überkommt mich tiefe Wehmuth, denn ich muß ja deiner gedenken, un⸗ nennbar ſüße Blume, die du einſam und vergeſſen blühſt in Sachſens höchſtem Gebirg, wo man keinen Frühling kennt, träg' der ſchwarze Hüttendampf zum verödeten Himmel ſteigt, wo eintönig das Glöckchen des Bergwerks tönt, und am Weg der Eibiſchbaum mit ſeinen rothen Beeren kümmerlich nur gedeiht. Stiegſt du herab von deinem Wolkenſitze zu den Fluren des Frühlings, welch' ein Blumenregen von Huldigungen würde dich begrüßen. So wirſt du einſam blühen, einſam ſterben, und im Eiſe des Erz⸗ gebirgs wird dein einſames Grab ſein. Denn du biſt arm und ein Engel, zwei Eigenſchaften, die voll⸗ kommen geeignet ſind, hienieden recht bald vergeſſen zu machen. Vielleicht, daß, wenn du von hinnen gegangen, die Volksſage ihren Regenbogenſchimmer