Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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waffnetes Auge ſoll die Zinnen von Prag erkennen. Wenden wir uns, ſo überſchweift unſer Blick die bei⸗ den kalten Gürtel des Erzgebirgs und ganz am Ho⸗ rizonte dämmert in lieber bläulicher Ferne das Reich der Blumen und ſeidenen Lüfte. Zur Linken breitet das Vogtland ſeine reichen Getreidefluren in endlo⸗ ſen Flächen aus bis zur bairiſchen Grenze; rechts aber verbauen die himmelhohen böhmiſchen Grenzge⸗ birge faſt jede Ausſicht.

Auf dieſem höchſten Gebirge ſtanden wir und ſchauten wie Könige auf die große Welt zu unſern Füßen. Dort in weiteſter Ferne, hinter jenem blaſ⸗ ſen Nebelſtreif, lag das Elbthal, Dresden, die lin⸗ denumblühte Brühl'ſche Terraſſe, wo wir noch ehe⸗ geſtern ſaßen, von lieblichen Melodien umwogt. Hier in der erhabenen Einſamkeit tönte ein anderer Cho⸗ ral in den Kronen der dürftigen Tannen. Da un⸗ ten lag Schönhaide, eine der traurigſten jener ſäch⸗ iſch⸗ſibiriſchen Kolonien mit ſeinen ärmlichen Hütten voller Hunger und Elend.

Kalt ſtrich der Wind aus Böhmen herüber. Mein Freund hatte eine Flaſche guten Medoc mit herauf⸗ geſchleppt. Wir tranken auf das Wohl der armen Hüttenbewohner und auf das ſchöne Mitleid, daß es einkehre in die Paläſte und die Herzen der Reichen.

Klirrend flog die geleerte Flaſche in den Abgrund. Eine Schaar ſchwarzes Geflügel ſtieg erſchreckt hervor und umkreiste mit heiſerm Geſchrei unſere Häupter; der Wind aus Böhmen pfiff ſchneidender; immer un⸗ heimlicher ward es auf der kalten Bergeshöh'. Da

faßte mich der Freund am Arme. Laß' uns dorthin, dorthin ziehen, Wo die Blumen ſchöner blüh'n. ſang er, und unter der Spohr'ſchen Melodie eilten wir den Berg herab.