Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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Soll ich auch euer gedenken, ſeidene, zauberhafte Fäden, die ihr euch weich und zart um die Schläfe der Töchter Germaniens legt, oder tändelnd herab⸗ ringelt in reizendem Muthwillen, oder traumhaft um⸗ ſchattet blumenhafte Sonnen?

Was ſiehſt du wie aus einem goldenen Traume zu mir auf, ſüßes, blondes Vermächtniß im einfachen Medaillon, ſeliges Pfand geſtorbener Seligkeiten? Fern in einem ſchönen Thale von Deutſchland, wo die Linden duften und die Nachtigallen ſchlagen, küßteſt du Jahre lang ein frühling⸗ſchönes Antlitz, bis die eigene zarte Hand ſelbſtmörderiſch dich löſte aus dem goldenen Reiche der Schweſtern.

Schönſter Juniabend meines Lebens, heilige Vor⸗ feier jenes großen Frühlingsfeſtes, deſſen Kerzen in einer anderen Welt flammen, deſſen Glocken in einer anderen Welt läuten, aber in geweihten Augenblicken herüberklingen durch unſere Nebeldecken und feuchten Wolkenſchichten.

Das Abendroth war einſam verblüht hinter Gär⸗ ten und Rebenhügeln; immer tiefer ſank die Welt in das große ahnungsreiche Grab der Dämmerung. Der bunte Schmelz der Blumenbeete zerfloß in duftendes Grau; nur die weißen Lilien leuchteten geiſterhaft in dunklen Räumen. Aber je tiefer der blühende Erden⸗ ſarg hinabſank in das ernſte Reich der Schatten, um ſo flammender und überzeugender entzündete ſich dort Oben der ſonnengeſtickte Namenszug Gottes in un⸗ ſterblicher Schöne.

Mitten im goldduftenden Dunkel, zwiſchen Blu⸗ men und Sternen, ſaß ich an der Seite Seraphinen's, jenes poeſiereichen Kindes mit blondſeidenem Haar und frommen, wunderſchönen Augen. Eine tiefe Sa⸗ bathſtille ruhte heilig über der nächtlichen Schöpfung.