Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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Luther's fuhren ſich die Deutſchen wiederum dreißig Jabre einander ſelbſt in die Haare, worauf unmit⸗ telbar das Zeitalter der Perrücken begann, unter welchen man die zerzaußten und zerſchlagenen Häupter verbarg. Es war eine dürre, unerguickliche Zeit, voller Bücher⸗ und Puderſtaub, bis Napoleon gegen die deutſchen Perrücken zu Felde zog mit Kanonen und Dekreten. Da wuchſen den Deutſchen die Haare wieder, ſie erhielten Einheit und Manneskraft und jagten den neuen Auguſtus aus dem Lande.

Die deutſchen Turner, welche hierbei rüſtig ge⸗ holfen hatten, ſahen jetzt wohl ein, daß die Kraft des deutſchen Volkes, wie beim ſeligen Simſon ei⸗ gentlich in den Haaren ruhe, und darum ließen fie ſich dieſelben ſo lang, wie immer möglich wachſen, bis ſich das neue Inſtitut des deutſchen Bundes die⸗ ſer altväteriſchen Sitte widerſetzte.

Es ſind an die zweitauſend Jahre, ſeit uns Rom die Haare verſchnitt; die nächtig ſchattenden Wälder von Altgermanien ſind gelichtet und klar und nebel⸗ rein ſcheint die Sonne über die deutſchen Lande. Es hat ſich darum unſer Haar ſichtbar gebräunt, und die goldgelben Locken, jene einſtige nationale Kopfbedeckung, werden immer ſeltener. Ueberdies ha⸗ ben die zahlreichen Beſuche aus aller Herren Ländern einer jeder wiſſenſchaftlichen Unterſuchung hohnſpre⸗ chende Haarverwirrung zurückgelaſſen, ſo daß ich be⸗ zweifele, ob die heutigen Römerinnen noch Verlangen nach unſeren Locken tragen. Wien hat auch in die⸗ ſer Hinſicht die Fürſorge übernommen und liefert die ſchönſten Locken in allen Couleuren für Italien und Deutſchland.

Dies iſt die Geſchichte der goldgelben Locken Germaniens.