Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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Zerfallen mit Kopf und Herz, voll ſophiſtiſcher Spitzfindigkeiten, theologiſcher Skrupel und Zweifel war ich lange Zeit die Kirche geflohen wie ein Kran⸗ kenhaus. Da rief mich einmal mit wunderbarem Klange die Oſterglocke in die ſtillen Hallen. Ich ſchaute dich und glaubte wieder an Engel, an einen Himmel, an Gott und Unſterblichkeit. Du warſt mein Evangelium. In ihren Locken blühten für un⸗ ſern nordiſchen Himmel ſeltſam rothe Blumen; als ich mir ſie näher betrachtete, waren es rothe Man⸗ delblüthen.

Der Patron der Kirche hatte der Gemeinde ein treffliches Altarbild zum Geſchenk gemacht. Es war ein Chriſtuskopf. Von den Altarkerzen mild erleuch⸗ tet, blickte er zu der Gemeinde hernieder wie die ver⸗ ſöhnende Liebe. Auch ſie blickte zu dem Bilde auf mit Gott vertrauendem hingebendem Auge. Ach, die ſchöne Sage von Pygmalion iſt auch nur eine ſchöne Fabel geweſen, ſonſt würde das Altarbild durch die Himmelsblicke der Beterin Leben bekommen und ſie davon geführt haben nach ſeiner Heimath.

Ich glaube, es iſt auch geſchehen. Als ich nach Jahr und Tag wieder am Pfeiler lehnte, ſaß auf ihrem Platze eine ſchwarzverſchleierte Dame. Auch das Chriſtusbild war mit Flor umhangen. Eine erhebende Ahnung durchzuckte mein Innerſtes. Pro⸗ phetiſch klangen die Oſterglocken in der Höhe. Ich folgte der Verſchleierten auf dem Heimwege. Sie wandelte nach dem Kirchhofe und knieete an einem Grabe nieder. Auf dem Grabe aber blühten— ſchöne rothe Mandeln.