Teil eines Werkes 
23. Band, Je länger je lieber : Phantasiestücke und Erzählungen : 2. Band (1855)
Entstehung
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bevor ich erwähne, daß das deutſche Oſtern in jenes ahnungsreiche Frühlingsgrau fällt.

Ja, auch wir Deutſchen glauben an eine Auf⸗ erſtehung, an einen Gott der Liebe und Gerechtig⸗ keit, darum feiern wir unſere Oſtern, und die Natur feiert ſie mit uns. Gleichzeitig flammt es auf un⸗ ſeren Altären und Bergen. Die dunkeln Winter⸗ träume dort Oben zerrinnen und ſiegend tritt die Frühlingsſonne in die ſchöne Welt.

Es giebt kein zweites Feſt im Jahre, das ſo ſymboliſch zu uns ſpräche, ſo einfach, ſo tieffinnig, und nur ein deutſches Gemüth vermag Oſtern in ſeiner ahnungsvollen, heiligen Deutung zu verſtehen.

Bedeutſam klingt die deutſche Oſterglocke im Ge⸗ müthe des Knaben wieder, und wächſt er zum Jüng⸗ ling heran, wird die Ahnung zur Gewißheit. Auf⸗ erſtehen, Auferſtehen, hier und jenſeits, iſt das hohe Lied der deutſchen Oſtern.

Wie eine vom Himmel geküßte Blume wandelt die Jungfrau zur Kirche, himmel⸗-bräutlich, madon⸗ nenhaft.

Ich kenne euch, ihr Madonnenaugen des Oſter⸗ morgens. Wie oft leuchtetet ihr mir in den dun⸗ keln Hallen der Frühkirche. Gläubig hab' ich Jahre lang zu euch aufgeſchaut und mein Glaube hat mich nie betrogen.

Wie oft ſtand ich am Pfeiler rechter Hand, wenn du ſüßes Heiligenbild, im alterthümlichen, ſeltſam geſchnitzten Kirchenſtuhle ſaßeſt und mit Gott ſprachſt und ſeinen Engeln. Hoch über uns klangen die Frühglocken in die dämmernde Welt. Wo nahmſt du nur die ſchönen rothen Mandelblüthen her, die ſtets neben dem Büchlein mit goldenem Schnitte lagen?