Teil eines Werkes 
16. Band, Moosrosen : Novellen und Erzählungen : 2. Band (1854)
Entstehung
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nigſtens vor Kälte geſchützt war. Die paar Lebens⸗ mittel waren bis auf einige Broſamen aufgezehrt;

Andreas kratzte mit ſeinen letzten Kräften einiges

Moos von den Hüttenfenſtern und ſuchte damit ſei⸗ nen Hunger zu ſtillen.

Auch der fünfte Tag verſtrich. Hunger und Trüb⸗ ſal hatten den höchſten Grad erreicht. Die Verzweif⸗ lung war in jenes dumpfe Hinbrüten übergegangen, welches dem Tode unmittelbar vorherzugehen pflegt. Niemand gedachte mehr, die kleine Wanduhr aufzu⸗ ziehen. Niemand wußte mehr, an welchem Tage und in welcher Stunde man lebe.

Ein Todtenſchweigen herrſchte, als der Morgen des ſechſten Tages, des großen Neujahrs oder des Fe⸗ ſtes Epiphanias, heranbrach. In einem dem Tode ähnlichen Zuſtande kagen Marie, Martin und ſelbſt der alte Nicodemus gab kein Zeichen des Lebens von ſich.

Da raffte Andreas, der noch das klarſte Bewußt⸗

ſein ſich erhalten, ſeine letzten Kräfte zuſammen und

ſchlich mit größter Anſtrengung aus der Hütte, um

noch einmal in dem Schneegange zu lauſchen, ovb

vielleicht Rettung nahe.

Der unglückliche Jüngling gelangte mit vieler Mühe bis zu der Stelle, welche eingeſtürzt war. Hier ſank er ermattet und halb ohnmächtig nieder. Eine geraume Zeit mochte er gelegen haben, als plötzlich wie im Traume bekanntes Hundegebell an ſein Ohr tönte. Andreas erwachte. Er lauſchte und lauſchte mit aller Anſtrengung. Das Hundegebell kam näher, und wenn den Verſchütteten nicht Alles trog, ſo war es die Stimme ſeines treuen Pikas, welche aus der Oberwelt in das dunkle Grab herabtönte.

Neue Hoffnung und neue Lebenskraft erwachten in

der Bruſt des Jünglings, welcher ſeine Seele bereits