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als ein neuer Donner durch das Thal rollte. An⸗ dreas ſchlug unwillkürlich die Bibel zu; Marie war auf die Kniee geſunken und flehte mit aufgehobenen, zitternden Armen, daß der Allmächtige ſie vor der furchtbar drohenden Gefahr gnädig bewahre. Der kleine Martin hielt krampfhaft Andreas' Knie um⸗ klammert und die Angſt preßte ihm Thränen hervorz nur der alte Nicodemus im Silberhaupte blieb wie ein Weiſer der Vorzeit ruhig und gefaßt in ſeinem Lehnſtuhl ſitzen. Nicht eine Miene des ehrwürdigen Antlitzes hatte ſich verzogen. Mit dem Bewufßtſein eines Frommen ſprach er, Gott ergeben:
„Laßt die Donner rollen, die Lawinen ſtürzen! Mächtiger als Donner und Lawinen iſt der Gott der Welten, der es gut meint mit allen ſeinen Ge⸗ ſchöpfen.“
Andreas war abermals vor die Hütte getreten und ſchaute mit bangendem Herzen umher in der nächt⸗ lichen Schöpfung. Da thronte ringsum die ſchauer⸗ liche Felſeneinſamkeit. Die Lichtlein von Liebethal waren erloſchen. Nur in dem Kirchthurm flimmerte das Fenſter des wachhabenden Thürmers, welcher bei vernehmbaren Bergfällen und Lawinen ſorgſam auf⸗ horchte, ob Gefahr drohe, wo er ſogleich das Glöck⸗ lein hell und Hülfe rufend durch das Thal er⸗ klingen ließ.
Andreas ſchaute aufwärts, ſeine Beſorgniß ging in Entſetzen über. Die Schneewand hatte ſich aber⸗ mals geſenkt und ſchwebte in fürchterlicher Höhe ver⸗ derbenvöll über der Hütte des Kräuterſammlers.
Noch immer ſaß der alte Nicodemus in ſeinem Lehnſtuhl. Einſam brannte die Lampe auf dem alten Tiſche von Nußbaum. Andreas ſchaute ſich noch ein⸗ mal ringsum in der ſchweigenden Natur. Ueberall


