läute der Vesper war verſtummt; die Schatten ſenk⸗ ten ſich dunkler in die Thäler, aber drohend und finſter ſchwebte die gewaltige Schneemaſſe des Adler⸗ ſteins über ihrem Haupte.
Das Mädchen hatte noch nicht die erſten Häuſer des Dorfs erreicht, als ihr Geliebter, der in der Ge⸗ gend bekannte und hochgerühmte Gemſenjäger, ihr entgegenkam. Aber der Gang des Jünglings war unſicher, und als er näher kam, zeigte ſich's, daß er an mehren Stellen des Körpers mit Tüchern verbun⸗ den war.
„Gott!“ rief erbleichend Marie, als ſie Andreas erkannte,„was iſt Dir geſchehen?“
„Aengſtige Dich nicht, Marie,“ erwiederte lächelnd der Jüngling,„ich bin nur ein wenig von den hart⸗ herzigen Felszacken zugerichtet worden, als ich meinen Picas vom Untergnge rettete.
„Denke Dir,“ fuhr Andreas mit Eifer fort,„das edle Thier hat heute nicht weniger denn drei Ver⸗ ſchüttete mit wahrhaft bewunderswürdiger Beharrlich⸗ keit aufgeſcharrt. Doch beim dritten Begrabenen ſtürzte der Retter ſelbſt in die unergründliche Tiefe, und er war verloren, wenn ich nicht ſelbſt alle Kräfte aufbot zu ſeiner Rettung.“
„Aber des Thieres wegen konnteſt Du ſelbſt zu Grunde gehen,“ ſtrafte ſanft Marie;„doch wo iſt Picas?“
„Ich habe ihn am Alphorne zurückgelaſſen bei der Mutter Marthe. Der arme Kerl iſt übel zugerichtet.“
Andreas begleitete ſeine Marie auf dem frommen Wege zur Kirche. Sie brachten die geweihte Kerze der Mutter Gottes und kehrten Hand in Hand nach der Wohnung des aten Nicodemus zurick.
Schon war es dunkel im Thale, aber die Alpen⸗


