466
„Ein Hauptpunkt in unſrer Verfaſſung,“ erklärte der Miniſter,„welcher zu dem fürchterlichſten Miß⸗ brauche Veranlaſſung gibt, iſt vor Allem die— Preßfreiheit, hoher königlicher Herr. Erwäge, welchen unberechenbaren Schaden Deiner königlichen Würde allein die Schmähſchrift des berüchtigten Car⸗ not gebracht hat. Man darf einen Blick in die Jvur⸗ nale werfen und findet alltäglich von erbärmlichen und ſchlechtgeſinnten Scriblern den offnen Aufruhr gepredigt, alle Deine weiſen Verordnungen und Ge⸗ ſetze werden der gehäſſigſten und giftigſten Kritik un⸗ terworfen. Wo kann hier Vertrauen entſtehen zwi⸗ ſchen Regierenden und Regierten, wenn jene Mord⸗ brenner tagtäglich Haß und Mißtrauen dazwiſchen ſäen? Ich verkenne die Segnungen der freien Preſſe nicht, aber für die gegenwärtige Generation, die durch Revolutivn in Moral, Frömmigkeit und Tu⸗ gend ſo zurückgekommen iſt, paßt dieſe Freiheit ge⸗ wiß nicht. Sie iſt das Meſſer in der Hand des Wahnwitzigen.“
„Wenn einem Diener des Herrn vergönnt iſt,“ ſprach der Beichtvater,„noch einmal in hohen Re⸗ gierungsſachen ein Wort zu den Füßen ſeines Herrn und Königs zu legen, ſo kann ich, gleichfalls aus rei⸗ ner Liebe und Verehrung für Dein geheiligſtes Haupt, Majeſtät, nicht umhin, den weiſen Worten des Mi⸗ niſters aus ganzem Herzen beizuſtimmen. Auch ich lebe der innigſten Ueberzeugung, daß die Franzoſen für eine Freiheit, die ſie zur Frechheit herabwürdi⸗ gen, noch nicht reif ſind. Ich geſtehe es offenherzig, daß ich heutzutage nur mit Zittern und Zagen jene Tageswespen, ſo man Journale nennt, in die Hand zu nehmen wage, weil ich ſtets fürchten muß, darin
4


