20
drücker hochleben zu laſſen; aber keine Macht der Erde ſoll mich verhindern, auf das franzöſiſche Volk, auf Napoleon, das größte Genie der Weltgeſchichte, und auf dergleichen hübſche Sachen anzuſtoßen.“
„Ich begreife aber nicht,“ meinte Gotthard ſchmerz⸗ lich,„wie man überhaupt jetzt, wo das zertretene Vaterland an tauſend Wunden blutet, dergleichen Zer⸗ ſtreuungen nachgehen kann.“
„Ich gehe ihnen nicht nach,“ war Günther's Ant⸗ wort,„aber ich nehme ſie mit, wo ſie ſich finden, und wäre ein Thor, wenn ich's nicht thäte. Carpe diem— dic eur hic? ſagt der Lateiner. Wird's etwa beſſer, wenn ich mich als Betbruder in eine Zelle ſperre oder in die Wüſte wallfahrte und Heuſchrecken verzehre? Daß die Franzoſen über kurz oder lang zum Lande hinaus müſſen, davon bin ich ſo gut über⸗ zeugt, wie der beſte Patriot; das ſehen die Ver⸗ ſtändigen unter ihnen ſelbſt ein und finden die Sache in der Ordnung. Alſo in der Hauptſache ſind wir einig, Nebendinge kommen nicht in Betracht. Das iſt meine Philoſophie und ich befinde mich wohl dabei.“
Es begann Abend zu werden und die Freunde ſchickten ſich an, zur Stadt zurückzukehren. Als Ruf⸗ fus aus der Hausthür trat, warf er noch einen Blick nach dem Walde.
„Schlaft wohl, meine guten Koſaken,“ ſprach er, „Ihr mögt ein recht gutes Völkchen ſein, aber Euer wackrer Kaiſer, der Herrſcher aller Reußen ſelbſt, mag mir's verzeihen, wenn ich in Euch keine Freiheits⸗ apoſtel erblicken kann.“
Schweigend gingen die Freunde dem Thore zu. Sie paſſirten das Schwarze Thor, durchſchritten die Neuſtädter Allee und gelangten auf die Elbbrücke.


