195
fürchtete man. Anfangs verſuchte man Widerſtand; aber die ruſſiſche Hauptmacht zieht heran. Die Ku⸗ geln fielen immer dichter. Schwärme von Koſaken brachen aus den Wäldern.
„Man hätte ſich noch kurze Zeit halten können; aber Murat hatte den Kopf verloren und ſprengte da⸗ von. So begann von Neuem die allgemeine Flucht, und der völlige Untergang der großen Armee.“
Der Oberſt ſchwieg. Mit geſpannteſtem Intereſſe hatte namentlich Eugen der Erzählung zugehört.
„Unglückſeliges Ende,“ ſeufzte nach einer Pauſe der Banquier.
„Allerdings,“ erwiederte Camill,„noch nie ſah wohl der Erdboden eine impoſantere Armee, als die über den Niemen ging in den Tagen des Juni 1812, und noch keine fand ein ſo bejammernswerthes Ende; und gleichwohl gab es nie einen heldenvolleren Feld⸗ zug. Ich habe ſeit den zwanzig Jahren, die ich in den Lagern lebe, manche großartige Waffenthat geſe⸗ hen, aber gegen den Rückzug aus Rußland verſchwin⸗ det Alles, was Schriftſteller alter und neuer Zeit an Heldenmuth aufgezeichnet haben.“
Man ſaß eine lange Zeit in tiefem Schweigen, bis endlich Normand und Eugen ihr Bitten erneuten, daß ſich's der Onkel bequem mache und ſich für heute zur Ruhe begebe.
Der alte Kriegsmann lächelte.
„In Paris hoff' ich doch endlich einmal Ruhe zu haben vor den Koſaken.“
„O, das werdet Ihr hier immer, Onkel,“ tröſtete muthig Eugen.„Nie wird es ein Barbar wagen, ſeinen Fuß auf den heiligen Boden Frankreichs zu ſetzen.“
„Wollen's hoffen, mein Sohn,“ ſprach der Oberſt. 18


