492
entzündeten Augen floſſen blutrothe Thränen. Mit verſtörtem Blicke ſchauten ſie von der eiſigen Erde zum eiſigen Himmel, nirgend Hülfe, Rettung; überall Tod und Verderben. Da brachen ſie für immer zuſammen, Blut entſtrömte dem erſtarrten Munde und färbte den Schnee roth. Niemand ſah ſich um nach ihnen. Mit talten, todten Herzen zogen die Waffenbrüder, Ge⸗ fährten, Freunde, Verwandte vorüber. Niemand be⸗ klagte die Todten. Der Schnee rieſelte hernieder. Es entſtand ein kleiner Hügel— bald war auch er verſchwunden in dem unermeßlichen Eismeere.
„So waren die letzten Tage der großen Armee. Ihre letzten Nächte waren noch furchtbarer. Diejeni⸗ gen, welche die Nacht fern von allem Obdach über⸗ raſchte, hielten am Rande der Wälder. Hier zünde⸗ ten ſie ihre Wachtfeuer an, vor denen ſie die ganze Nacht in aufrechter, unbeweglicher Stellung ſtanden, gleich Geſpenſtern. Sie konnten der Wärme nicht froh werden und kamen dem Feuer ſo nahe, daß ihre Kleider verbrannten und ihre erfrornen Glieder ſich auflöſten. Vom furchtbarſten Schmerze gefoltert, ſan⸗ ken ſie dann nieder und am Morgen mühten ſie ſich vergebens, aufzuſtehen. Viele ſtarben während der Nacht am Feuer. Die Rüſtigſten bereiteten ein Mahl. Dieſes beſtand aus geröſtetem Pferdefleiſch und etwas Roggenmehl, das in Schneewaſſer zur Suppe gekocht und in Ermangelung des Salzes mit Schießpulver beſtreut ward. Der Schein der Flammen lockte wäh⸗ rend der ganzen Nacht neue Unglücksgefährten herbei, welche von den zuerſt Angekommenen zurückgeſtoßen wurden. Dieſe Bejammernswürdigen irrten von Bi⸗ vouak zu Bivonak, bis ſie, von Kälte und Verzwei⸗ flung überwältigt, ihrem Schickſale ſich überlaſſend, hinter den Reihen ihrer glücklichern Gefährten auf den


