Teil eines Werkes 
5. Band, Moosrosen : Novellen und Erzählungen : [1] (1853)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

167

Mutter zurückgekehrt; aber ſie lächelten bei blutendem Herzen, ſagten nichts von ihrem Hunger, um der Todtkranken ihre Leiden nicht zu vergrößern.

Von den Thürmen tönte die eilfte Stunde. Wie ein paar roſenrothe Augenblicke waren dem Ballpubli⸗ kum die Stunden der Vormitternacht verfloſſen, wäh⸗ rend wenige Schritte davon im ärmlichen Stübchen die Minuten zu qualvollen Stunden wurden.

Noch immer beteten die beiden Mädchen bei der kranken Mutter, noch immer ſaß Theodor froſterſtarrt in der Ecke. Da ſchlug das militäriſche Kommando⸗ wort, welches die Wachen bei dem gegenüberliegenden Palaſt einberief, an ſein Ohr. Ein letzter Hoffnungs⸗ ſtrahl durchzuckte die Bruſt des Knaben.

Vielleicht, dachte er bei ſich,daß es jetzt mög⸗ lich iſt, Eintritt in das Hötel zu erhalten und von irgend einem der goldbetreßten Diener ein Stück Brod zu erflehen.

Leiſe, damit er Mutter und Schweſtern nicht ſtöre, verließ Theodor die Stube und das Haus. Seine Hoffnung hatte ihn nicht betrogen. Die Wachen wa⸗ ren eingezogen und das ſtattlich beleuchtete Portal ſtand offen. Die furchtbare Noth beſiegte diesmal die ſonſtige Schüchternheit des Knaben. Er betrat zit⸗ ternd die feſtlichen Hallen und gelangte, ohne daß er aufgehalten worden, bis in eine der Gallerien des erſten Stocks. Hier ſtand ein reichgekleideter Herr, welcher ſeinem Kammerdiener eine Menge Goldrollen übergab, die er ſo eben im Spiel gewonnen hatte. Der Herr ſah ſo gutmüthig und menſchenfreundlich aus. Theodor faßte ſich ein Herz; ſank vor ihm auf die Kniee und bat um ein Stück Brod.

Der glückliche Spieler warf einen mitleidigen Blick auf die armſelige Geſtalt.