147
nicht? Haben die Männer allein die Contemplative gepachtet? Fährt uns bei unſerm Strickſtrumpfe im Jahr lang nicht Manches durch den Kopf?— Aber nächſt dem Herbſte birgt auch der Frühling einen Liebling von mir. Ob Sie ihn errathen werden?
„Ich nannte eine Menge Blumen.
„Falſch, falſch! rief ſie und führte mich den Gar⸗ ten entlang nach einer entlegenen Partie. Hier be⸗ fand ſich in freundlicher Stille ein reizend grünes ovales Raſenplätzchen mit einer kleinen Raſenbank, rings umkränzt mit knospenreichen Mandelbäumen.
„Es iſt Schade— ſprach Eliſabeth— ſie haben die Augen noch zu; aber ſchon guckt es überall pur⸗ purn hervor; in ein paar Tagen müſſen ſie lieblich erblühen.
„Alſo die rothe Mandelblüthe?
„Nun— fragte ſie— iſt das nicht ein aparter Geſchmack? Hat dieſe Blüthe nicht etwas Vorneh⸗ mes und Hochpoetiſches? ſchon weil ſie ein Fremd⸗ ling, von fernen Himmeln zu erzählen weiß. Be⸗ trachten Sie einmal dieſes ſeltſame Roth, das iſt nicht abendländiſch; das iſt die Farbe aus den Gär⸗ ten Sheherezades, wo die Palmen rauſchen und Lo⸗ tosblumen glühen.
„Ich weiß nicht, waren dieſe Worte mehr Scherz oder Ernſt; aber in meinem Herzen wohnte tiefe hei⸗ lige Wehmuth. Mir war es, als ſtünden wir an einer ſeligen Grabſtätte, wo ſich ſüß ausruhen ließe von den Stürmen der Erde, und ich rief aus tiefſter Seele: O Fliſabeth, könnte ich hier ruhen, ſchla⸗ fen— ewig— ewig!
„Sie ſchien meine Worte nicht gehört zu haben, bog ſich zu einem Mandelbaume nieder und erwiederte nichts. Wir kehrten ſchweigend nach dem Blumen⸗
10*


