86
der Ferne. Plötzlich aber wandten ſie ſich nach dem Familiengarten und ich ſchlich mich bis zur Taxus⸗ wand vor. Aber das Strauchwerk hier war ſo dicht, daß ich nichts zu ſehen vermochte. Ich brach daher eine kleine Oeffnung durch das Geſtrüpp. Nur ein hartnäckiger Aſt war noch im Wege. Ich bog ihn mit Gewalt auf die Seite und ſchaute jetzt mit einem Male die ganze Beſcheerung und wie der Herr Baron und Felix jammernd um den verwünſchten Baum her⸗ umſtanden. Da erſchrak ich dermaßen, daß ich den gebogenen Aſt fahren ließ, welcher mit ziemlichem Ge⸗ praſſel in die dürren Blätter zurückfuhr. Nun aber war guter Rath theuer, denn der Baron kam wie ein Beſeſſener daher geſprungen; fand er mich, ſo war ich geliefert. Alſo kurz reſolvirt. Ich nahm Reiß⸗ aus, ſchlüpfte die Baumwand entlang, und verſteckte mich hinter den Brunnentrog. Aber zu meinem Schrecken mußte ich gewahren, wie man jetzt eine ra⸗ dicale Ausſuchung anſtellte. Ich war verloren, wenn ſie zum Brunnen kamen. Da half's nichts und ich verſenkte mich in den kühlen Waſſerſpiegel des Brun⸗ nentrogs bis an die Naſe, über welche ich einen noch etwas belaubten Hollunderzweig herabzog. Ein ver⸗
teufeltes Bad, bis es den Herrſchaften beliebte, von⸗
ihrer überflüſſigen Recognoscirung abzuſtehen.“ Lipſens naſſes Abenteuer hatte indeß bei dem Publikum bei weitem nicht die Theilnahme gefunden, die es verdiente. Der Schreck über den blühenden Baum war zu groß, und Adeline ward bereits als eine Geſtorbene betrachtet. Nur war man noch nicht im Klaren, in welcher Kleidung ſie im Sarge liegen ſollte. Dies gab Stoff zu vielerlei Vermuthung und Converſa⸗ tion, mit welcher der Leſer verſchont bleiben möge.
—


