62
ganze Räthſel löſ't ſich einfach, wenn ich Ihnen ſage, daß der liebe Gott mir zwei Töchter geſchenkt hat, die, ein wunderbares Spiel der Natur, ſich ſo ſpre⸗ chend ähnlich ſehen, daß ſelbſt ich oft irre werde und ſie nur an einer kleinen Nüance ihrer Ausſprache von einander zu unterſcheiden vermag. Einer Grille mei⸗ ner verſtorbenen Frau zu Folge, miſſen ſtets beide Mädchen auch ganz gleich gekleidet gehen, was eine Verwechſelung um ſo leichter macht. Sie heißen Ama⸗ lie und Emilie, in der Familie aber kurzweg Malchen und Milchen. In deren Zimmer ich Sie vorhin führte, war Emilie, der Sie jedoch jetzt im Parke begegnet ſind, iſt Amalie und die Verlobte des Haupt⸗ manns Thalheim.“
„In meinem ganzen Leben hatten nicht ſo we⸗ nige Worte einen ſo gewaltigen Eindruck auf mich hervorgebracht, als die kurze Rede des wackern Wol⸗ brecht. Wie Schuppen fiel es mir von den Angen, ich ſaß im ſiebenten Himmel; aber zugleich überkam mich Verzweiflung ob meines Benehmens gegen die unſchuldige Emilie.
„Vortrefflicher Freund,“ rief ich, den Papa des Schweſterpaares mit Ungeſtüm umarmend,„bei Allem, was Ihnen heilig iſt, Hochverehrteſter, laſſen Sie mich noch zwei Worte mit Emilie ſprechen. In un⸗ ſeliger Verblendung hielt ich ſie für deren Schweſter und habe den Engel ſchwer gekränkt; Sie ſollen ſpä⸗ ter Alles erfahren, aber jetzt, ich bitte, ich beſchwöre Sie, führen Sie mich zu Enilien.“
„Hm,“ ſprach Herr Wolbrecht,„ich begreife zwar den Grund Ihrer Aufregung nicht; indeß ſoll Ihre ſo dringende Bitte gewährt werden. Folgen Sie.“
„Die Reiſe ging wieder nach dem Herrnhauſe. Ich wanderte mit hochklopfendem, ſeligem Herzen an Herrn


