Teil eines Werkes 
5. Band, Moosrosen : Novellen und Erzählungen : [1] (1853)
Entstehung
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er nicht, und das war mir im Grunde recht lieb. Da ward nämlich nach einem ganz andren Codex Recht geſprochen und anſtatt der blinden Göttin mit der Waage und dem gezogenen Schwerte, ſaß hier ein al⸗ lerliebſtes Mädchen zu Gericht, das Emilie hieß, und das, wie ich glaube, meine jetzige Frau war.

Die erſten Zeiten im väterlichen Hauſe verlebte ich äußerſt angenehm; ein Paar Stunden des Tages arbeitete ich in der Expedition meines Vaters, der bedeutende Gerichtshaltereien zu verwalten hatte, die übrige Zeit gehörte meiner Muſe. Ich ſchwärmte in der ſchönen Natur, erblickte in jeder aufbrechenden Roſe Emiliens Bildniß, ich glaube, ich machte ſogar Verſe, eine für einen Juriſten allerdings höchſt un⸗ anſtändige Beſchäftigung. In der Nachbarſchaft gab es Concerte und Bälle, ich ſtürzte mich in's Leben, umflatterte Frauen und Mädchen, aber keine vermochte das Bild Emiliens nur im Entfernteſten zu verdun⸗ keln. Dieſe Damenbekanntſchaften dienten nur dazu, mir die Geliebte immer theurer zu machen.

Meinem Herrn Papa, der von meinen erotiſchen und pvetiſchen Viſionen keine Ahnung hatte, ſchien mein Durchſchwärmen der Damenwelt nicht eben be⸗ haglich zu ſtimmen. Als ich auf einem Donnerſtags⸗ balle, wo er gleichfalls anweſend, Frauen und Mäd⸗ chen der Reihe nach den Hof gemacht hatte, beſchied er mich zu einer Conferenz nächſten Sonntag nach der Vormittagskirche auf ſeine Studirſtube.

Dieſe Privataudienzen Sonntags nach der Vor⸗ mittagskirche auf der Studirſtube, waren mir ſchon aus der Knabenzeit her ein Greuel. Hatte ich an irgend einem Wochentage eine Dummheit begangen, ſo erfolgte die Beſtrafung nie in flagranti, ſondern kam ſtets des Sonntags nach der Vormittagskirche,

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