23
rächt.“„Nein! nein!“ rief die Verzweiflung dazwi⸗ ſchen. Und immer lauter und überzeugender mahnte die erwachte Stimme, und immer gewaltiger rang die Verzweiflung dagegen. Dumpfer brauſten die Wellen, wilder tobte der Sturm; die Sinne ſchwanden— die Verzweiflung ſiegte;— weit bog ſich der Oberkör⸗ ver des Unglücklichen über das eiſerne Brückengelän⸗ der— und die Fi ließ los von dem Eiſenſtabe.
Da fühlte ſich der Selbſtmörder von zwei Armen umſchlungen und zurückgezogen, und eine Stimme ſprach ſanft und voll Liebe:„Unglücklicher, Du ſollſt leben; Gott wollte Dich nur prüfen.“
„Laßt mich,“ ſchrie entſetzt Erasmus und wollte
ſich losreißen, aber die Arme hielten ihn feſt um⸗ ſchlungen und die Stimme ſprach:
„Nur dieſe Nacht noch lebe; ſie wird vergehen, es wird Tag werden, und auch Dir, mein armer Freund.“
„Nie! nie!“ rief Erasmus.
„Gott iſt allmächtig und ſeine Liebe unendlich.“
„Es gibt keinen,“ tönte es krampfhaft.
„O, Du biſt ſehr unglücklich, Du Armer; aber
Niemand iſt ſo unglücklich, daß er nicht noch glück⸗ „lich werden könnte. Darum komm fort von hier;
ein Wunder rettete Dich; es war ein Fingerzeig von
oben, daß Du leben ſollſt, um noch hienieden Gottes
Liebe zu erkennen.“
Erasmus ließ ſich halb bewußtlos die Brücke ent⸗ lang führen. Die Stimme fuhr fort in ſanften liebe⸗ vollen Troſtesworten:
„Lebt auch nur eine Seele Dir, der Dein Tod Jammer gebracht hätte, wird ſie nicht Freudenthränen weinen, gerettet zu ſehen? Wenn Du ſie lieb hatteſt, freuſt Du Dich nicht mit ihr?“


