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macht, mich ſo unkenntlich zu machen, daß ſelbſt meine gute Mutter mich nicht erkennen würde. Ich trete vor der Hand in die Dienſte ſeines Freundes, des Profeſſors Laroſſoſſinier; bei der erſten Gelegenheit ſuche ich aber ſein Diener zu werden. Dann kom⸗ me, was da will. An ſeiner Seite will ich leben, will ich ſterben; Du aber, mein Vater im Himmel, verleihe Kraft Deinem ſchwachen Kinde zu dem Werke Deiner Liebe; ſegne mich, heilige mich, auf daß ich Sein Engel werde.“
Dies waren die letzten Worte in Seraphinens Tagebuche.—
Wochen und Monden zogen vorüber und die tiefſte Schwermuth hielten Camille's ſonſt ſo heitern Sinn umfangen. Jeder Gedanke an die aufopfernde Liebe des geſtorbenen Mädchens erfüllte ihn mit Schmerz. Hatte er doch nie eine Ahnung gehabt, daß Sera⸗ phine ihn liebe; ſo tief war ihr Heiligſtes in ihrer Bruſt verſchloſſen geblieben. Er hatte ihr darum auch nie ein Wort der Liebe zugeflüſtert und ſtets nur brüderliche Theilnahme bewieſen; obſchon auf Er⸗ ſteres ihre äußerlichen Vorzüge Anſpruch gehabt hät⸗ ten, denn ſie war ein reizendes Kind von achtzehn Jahren.
Selbſt der aufopfernden, liebenden Sorgfalt Cle⸗ mence's wollte es nicht gelingen, die trüben Wolken von Camille's Stirn zu verſcheuchen.
Auch Herr von Montreuil befand ſich während dieſer Zeit in der düſterſten Stimmung. Die Be⸗ mühungen des Profeſſors Laroſſoſſinier in Paris
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