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er eine Weile ſtehen und betrachtete das Land, vielleicht die höchſte menſchliche Geſtalt, die man heute in den Lüften hätte erblicken können. Er blieb eine gute Weile ſtehen und ſah hinaus. Die Sonne war nur mehr einen kleinen Bogen von dem Rande der Weſtwälder entfernt. Dann ging er wieder weiter.
Er ging jetzt einen ſanften Abhang ſchief abwärts, der mit Gebü⸗ ſchen, Laubbäumen und Steinen beſetzt war. Er ging immer fort. Wo die Dachung des Gehölzes minder ſchief war, und wieder faſt ſich ebenem Lande gleich geſtaltete, that ſich eine längliche Waldwieſe auf, auf der neben einem grauen Steinhaufen ein Schoppen ſtand, in den man im Sommer das Heu thut, um es im Winter auf dem gefrornen Hochſchnee mit Handſchlitten nach Hauſe zu bringen. Hanns ſtand vor dem Schop⸗ pen, und ſah eine Weile in das Heu hinein. Dann ſah er mit der Hand über den Augen nach dem Stande der Sonne. Dieſe blickte nur mehr durch die niederen vergoldeten Tannenzweige herein. Dann ging er wie⸗ der weiter. Er ging jetzt durch dichten dunkelnden Wald. Er ging an ſtarken Stämmen vorüber, die die rauhe Rinde hatten, und von deren verdorrten Aeſten die grünen Bärte des Mooſes herunter hingen. Er ging an großen Steinen vorüber, die mit einer weichen Hülle bedeckt waren, auf der zarte Fäden und feuchte Blättchen wuchſen. Er ging auf dem modrigen Boden, der die tauſendjährigen Abfälle der Bäume ent⸗ hielt, und dem Tritte keinen Widerſtand leiſtete. Er ging auf keinem Wege, weil er die Geſtalt und Richtungen des Waldes auch ohne Weg ſehr gut kannte.— Endlich war er an ſeinem Ziele. Ein ſehr hoher Baum ſtand unter den andern ebenfalls hohen und alten Bäumen des Waldes. Hanns lehnte die Axt an den Stamm und ſah den Baum an. In ſeiner Rinde waren die Zeichen der Liebe eingegraben: ein Herz mit Flammen, die durch auseinander gehende Striche angedeutet waren, ein Ring, der zwei Namen umfaßte, ein Kreuz, das aus Keilen empor ragte, der Name Maria's, der aus verſchlungenen Buchſtaben zuſammengeſetzt war, dann andere Namen, in zwei Buchſtaben Peſtehend, oft verziert mit einem Kränzlein oder dergleichen, oft ohne Verzierung, zuweilen fliſch, ſo wie die Beſitzer noch in Jugend unter den Lebenden wandeln, zuweilen vernarbt und unkenntlich, ſo wie die Liebenden ſchon durch Alter ein⸗ gebückt, oder im Grabe bereits zerfallen ſind. Der Baum ſtand ſehr hoch in die Abendluft empor, und zeichnete ſeine Zacken, weil er eine
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