— 309—
Moldau und die obbeſagten Dörfer. Sonſt ſieht man von dem Kreuz⸗ berge aus nichts; denn ringsum ſchließen den Blick die umgebenden blaulichen dämmernden Bänder des böhmiſchen Waldes. Nur da, wo das Band am dünnſten iſt, ſieht man doch manchmal auch noch etwas anderes. Wenn an einem Morgen Regen bevorſteht, und die Luft ſo klar iſt, daß man die Dinge in keinem färbenden Dufte, ſondern in ihrer einfachen Natürlichkeit ſieht, ſo erblickt man zuweilen im Südoſt über der ſchmalſten Waldlinie die noriſchen Alpen, ſo weit und märchenhaft draußen ſchwebend, wie mattblaue ſtarr gewordene Wolken. Gewöhn⸗ lich überzieht ſich an ſolchen Tagen gegen Mittag hin der ganze über dem Waldlande ſtehende Himmel mit einer ſtahlgrauen Wolkendecke, und läßt nur über den Alpen einen glänzenden Strich, zum Zeichen, daß in dem niedriger gelegenen Oeſterreich noch heiterer Sonnenſchein herrſcht. Am andern Tage rieſelt dann der feine dichte Regen nieder, und verhüllt nicht nur die Alpen, ſondern auch die umgebenden blauen Bänder des Waldes.
Aber nicht blos wegen ſeiner Ausſicht kömmt der Kreuzberg in Be⸗ tracht, ſondern es ſind auch noch mehrere Dinge auf ihm, die ihn den Oberplanern bedeutſam und merkwürdig machen.
An einer Stelle ſtehen Felſen hervor, auf die man einerſeits eben von dem Raſen hinzu gehen kann, und die andererſeits tief und ſteil abfallen, faſt viereckige Säulen bilden und am Fuße viele kleine Steine haben. Es iſt einmal eine Bäuerin geweſen, die wegen ihrer außer⸗ ordentlichen Schönheit berühmt war. Sie trug immer die Milch, die ſie den fernen Arbeitern auf einer Wieſe zur Labung brachte, über den Kreuzberg. Weil ſie aber den Worten eines Geiſtes kein Gehör gab, wurde ſie von ihm auf ewige Zeiten verflucht, oder wie ſich die Bewoh⸗ ner der Gegend ausdrücken, verwunſchen, daß an ihrer Stelle die ſelt⸗ ſamen Felſen hervor ſtehen, die noch jetzt den Namen Milchbäuerin füh⸗ ren. Die Säulen der Milchbäuerin ſind durch feine aber deutlich unter⸗ ſcheidbare Spalten geſchieden. Einige ſind höher, andere niederer. Sie ſind alle von oben ſo glatt und eben abgeſchnitten, daß man auf den niederern ſitzen und ſich an die höhern anlehnen kann. In der ſonnigen Tiefe unter der Milchbäuerin ſind die Pflanzbeete der Oberplaner, das iſt, aufgelockerte Erdſtellen, in denen ſie im erſten Frühlinge die Pflänz⸗ chen des Weißkohles ziehen, um ſie ſpäter auf die gehörigen Aecker zu verpflanzen. Warum die Leute dieſe von ihren Wohnungen ſo entlegene


