„Warum denn?“
„Ich ſagte Dir ja, daß mir mein Oheim das Gut, das einzige, was übrig blieb, nimmt. Sie iſt wohlhabend, ich bin arm, und kann noch lange, lange Zeit kein Weib ernähren. Da wird einer um ſie werben kommen, der ſie ernähren, ihr ſchöne Kleider und Geſchenke geben kann, und den wird ſie nehmen.“
„Nein, nein, nein, Victor, das thut ſie nicht— das thut ſie ewig nicht. Sie wird Dich ihr ganzes Leben lang lieben, wie Du ſie, und wird Dich nicht verlaſſen, wie Du ſie nicht verläßt.“
„O liebe, liebe Hanna!“
„Lieber Victor!“
„Und es wird gewiß eine Zeit kommen, wo ich wieder zurückkomme — da werde ich nie ungeduldig werden, und wir werden leben, wie zwei Geſchwiſter, die ſich über alles, alles lieben, was nur immer dieſe Erde tragen kann, und die ſich ewig, ewig treu bleiben werden.“
„Ewig, ewig,“ ſagte ſie, indem ſie raſch ſeine dargebotenen Hände ergriff.
Sie brachen in bitterliche Thränen aus.
Victor zog ſie ſanft gegen ſich her, und ſie folgte. Sie lehnte das Haupt und das Angeſicht an das Tuch ſeines Rockes, und gleichſam als wären jetzt bei ihr alle Schleißen recht geöffnet worden, weinte und ſchluchzte ſie ſo ſehr, als drückte es ihr das Herz ab, weil ſie ihn verlie⸗ ren müſſe. Er legte den Arm um ſie, wie beſchützend und beſchwichti⸗ gend, und drückte ſie an ſein Herz. Er drückte ſie immer feſter, wie ein hilfloſes Weſen. Sie ſchmiegte ſich an ihn, wie an einen Bruder, der jetzt gar ſo, gar ſo gut iſt. Er ſtreichelte mit der einen Hand über ihre Locken, die ſie geſcheitelt auf dem Haupte trug, dann beugte er ſich nieder und küßte ihre Haare— aber ſie hob ihr Angeſicht zu ihm empor und küßte ihn ſo heiß auf ſeine Lippen, ſo heiß, wie ſie nie gedacht habe, daß ſie etwas küſſen könne.
Dann ſtanden ſie noch eine Weile und ſprachen nichts.
Da kam der Gärtnerknabe und ſagte, daß ihn die Mutter ſchicke und ihnen ſagen laſſe, daß ſie zu dem Abendeſſen kommen möchten.
Die ſeidenen Flecke, welche das Geſpräch eingeleitet hatten, hielten ſie noch immer in den Händen, aber ſie waren verknittert, und manche waren von den Thränen Hanna's naß. Sie nahmen daher dieſelben zu⸗


