„Laß ihn gehen, laß ihn gehen,“ ſagte die alte Frau für ſich,„das Herz wird ihm ſchwer ſein.“
„Mutter, wo iſt denn Victor?“ fragte Hanna einmal im Laufe des Nachmittages.
„Er iſt Abſchied nehmen gegangen,“ antwortete dieſe,„von der Gegend iſt er Abſchied nehmen gegangen. Mein Gott! er hat ja nichts anders. Der Vormund, ein ſo vortrefflicher und vorſorglicher Mann er iſt, iſt ihm doch ferne, und ſo ſind es auch die Angehörigen des Vor⸗ mundes.“
Hanna erwiederte auf dieſe Worte nichts—— gar nicht den leiſe⸗ ſten Laut erwiederte ſie darauf, und ging zwiſchen das Gebüſche der klei⸗ nen Pflaumenbäume hinein.
Der Reſt des Nachmittages verging in dieſem Hauſe, wie gewöhn⸗ lich. Die Menſchen verbrachten ihn mit den Arbeiten, die ihnen zukamen, die Vögel in ihren Bäumen verzwitſcherten ihn, die Hühner gingen in dem Hofe herum, die Gräſer und Pflanzen gediehen ein wenig weiter, und die Berge ſchmückten ſich mit Abendgold.
Als die Sonne ſchon von dem Himmel verſchwunden war, und nur mehr die goldblaſſe, ahnungsreiche Kuppel über dem Thale ſtand— darum ahnungsreich, weil ſie morgen als eben ſo goldblaſſe Frühkuppel über dem Thale ſtehen, und denjenigen auf immer fortführen wird, den hier alle ſo lieben— als dieſe Kuppel über dem Thale glänzte, kam Victor von ſeinem Gange, auf den er ſich ſo eilig nach dem Eſſen bege⸗ ben hatte, zurück. Er ging längs der Gartenplanke, um das Pförtchen zu gewinnen, das von der Leinwandbleiche hineinführt. Die weißen Lin⸗ nenſtreifen waren nicht mehr da, nur das grünere und naſſere Gras wies die Stellen, wo ſie unter Tags gelegen waren— manche Fenſter waren über die Gartenbeete gedeckt, weil der blanke Himmel eine kühle Nacht verſprach— von dem Hauſe ſtieg ein dünnes Rauchſäulchen auf, weil die Mutter ſchon vielleicht für das Abendeſſen ſorgte. Victor hatte ſein Angeſicht dem Abendhimmel zugewendet, es wurde von demſelben ſanft beleuchtet, die kühlete Luft floß durch ſeine Haare, und der Himmel ſpie⸗ gelte ſich in dem trauernden Auge.
Hanna hatte ihn beinahe dicht an ſich vorüber gehen geſehen, da ſie an der innern Wand der Gartenplanke ſtand, aber ſie hatte nicht den Muth gehabt, ihn anzureden. Das Mädchen war beſchäftigt von einem


