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und ſie ſeine Lippen plötzlich auf den ihrigen empfand, drückte ſie ſüß entgegen. Sie hatte noch nie einen Kuß gefühlt, da ſie ſelbſt von ihrer Mutter und ihren Schweſtern nie geküßt worden war— und Murai hat nach vielen Jahren einmal geſagt, daß er nie mehr eine ſolche reine Freude erlebt habe, als damals, da er zum erſten Male dieſe vereinſamten unbe⸗ rührten Lippen auf ſeinem Munde empfand.
Der Vorhang zwiſchen den Beiden war nun zerriſſen, und das Schick⸗ ſal ging ſeine Wege. In wenigen Tagen war Brigitta die erklärte Braut des gefeierten Mannes, die Eltern beider Theile hatten eingewilligt. Es wurde nun ein freundlicher Umgang. Aus dem tiefen Herzen des bisher unbekannten Mädchens ging ein warmes Daſein hervor, Anfangs un⸗ ſcheinbar und unbedeutend, dann in reicher heiterer Entwickelung. Der Inſtinkt, der den Mann an dieſes Weib gezogen, hatte ihn nicht getäuſcht. Sie war ſtark und keuſch, wie kein anderes Weib. Weil ſie ihr Herz nicht durch Liebesgedanken und Liebesbilder vor der Zeit entkräftet hatte, wehte der Odem eines ungeſchwächten Lebens in ſeine Seele. Auch ihr Umgang war reizend. Weil ſie ſtets allein geweſen war, hatte ſie auch allein ihre Welt gebaut, und er wurde in ein neues, merkwürdiges, nur ihr ange⸗ hörendes Reich eingeführt. Wie ſich dann ihr Weſen vor ihm entfalte, erkannte er zu allem dem noch ihr inniges und heißes Lieben, das wie ein goldner Strom in vollen Ufern quoll, in vollen, aber auch in einſamen; denn wie das Herz der andern Menſchen zwiſchen eine halbe Welt getheilt iſt, war das ihre beiſammen geblieben, und da es nur ein Einziger er⸗
kannt hat, war es nun auch Eigenthum dieſes Einzigen. Er lebte ſo in Freude und Gehobenheit die Tage des Brautſtandes durch.
Es ging die Zeit mit roſenfarbnen Flügeln, und in ihr das Geſchick mit ſeinen dunkeln Schwingen.
Der Vermählungstag war endlich gekommen. Murai hatte ſeine ſchweigende Braut, da die heilige Handlung vorüber war, auf der Schwelle der Kirche in die Arme geſchloſſen, ſie dann in ſeinen Wagen gehoben, und in ſeine Wohnung geführt, die er, da die jungen Leute beſchloſſen hatten, in der Stadt zu bleiben, aus dem Reichthume ſeines Vaters, der ihm alles Erſparte zur Verfügung ſtellte, auf das Schönſte und Glän⸗ zendſte hatte einrichten laſſen. Murai's Vater war zur Vermählung von ſeinem Landſitze, den er zum bleibenden Aufenthaltsorte gewählt hatte, herein gekommen. Seine Mutter konnte leider die Freude nicht theilen;


