Teil eines Werkes 
2. Band (1855)
Entstehung
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Regel der Verſtändigen gebildet ſind. Oft wird die Schönheit nicht ge⸗ ſehen, weil ſie in der Wüſte iſt, oder weil das rechte Auge nicht gekom⸗ men iſt oft wird ſie angebetet und vergöttert, und iſt nicht da: aber fehlen darf ſie nirgends, wo ein Herz in Inbrunſt und Entzücken ſchlägt, oder wo zwei Seelen an einander glühen; denn ſonſt ſteht das Herz ſtille, und die Liebe der Seelen iſt todt. Aus welchem Boden aber dieſe Blume bricht, iſt in tauſend Fällen tauſendmal anders; wenn ſie aber da iſt, darf man ihr jede Stelle des Keimes nehmen, und ſie bricht doch an einer andern hervor, wo man es gar nicht geahnet hatte. Es iſt nur dem Men⸗ ſchen eigen, und adelt nur den Menſchen, daß er vor ihr kniet und alles, was ſich in dem Leben lohnt und preiſet, gießt ſie allein in das zitternde beſeligte Herz. Es iſt traurig für einen, der ſie nicht hat, oder

nicht kennt, oder an dem ſie kein fremdes Auge finden kann. Selbſt das Herz der Mutter wendet ſich von dem Kinde ab, wenn ſie nicht mehr, ob auch nur einen einzigen Schimmer dieſes Strahles an ihm zu entdecken vermag.

So war es mit dem Kinde Brigitta geſchehen. Als es geboren ward, zeigte es ſich nicht als der ſchöne Engel, als der das Kind gewöhnlich der Mutter erſcheint. Später lag es in dem ſchönen goldenen Prunkbettchen in den ſchneeweißen Linnen mit einem nicht angenehm verdüſterten Ge⸗ ſichtchen, gleichſam als hätte es ein Dämon angehaucht. Die Mutter wandte, von ſich ſelber unbemerkt, das Auge ab, und heftete es auf zwei kleine ſchöne Engel, die auf dem reichen Teppiche des Bodens ſpielten. Wenn fremde Leute kamen, tadelten ſie das Kind nicht, lobten es nicht, und fragten nach den Schweſtern. So wurde es immer größer. Der Va⸗ ter ging öfter durch das Zimmer nach ſeinen Geſchäften, und wenn die Mutter wohl manchmal gleichſam aus verzweiflungsvoller Brünſtigkeit die andern Kinder herzte, ſah ſie nicht das ſtarre ſchwarze Auge Brigit⸗ ta's, das ſich hin heftete, als verſtünde das winzige Kind ſchon die Krän⸗ kung. Wenn ſie weinte, half man ihrem Bedürfniſſe ab; weinte ſie nicht, ließ man ſie ruhig liegen, alle hatten für ſich zu thun, und ſie richtete die großen Augen auf die Vergoldung des Bettchens, oder auf die Schnör⸗ kel der Wandtapeten. Da die Glieder ſtark geworden waren, und ihre Wohnung nicht mehr in dem engen Bettchen beſtand, ſaß ſie in einem

Winkel, ſpielte mit Steinchen, und ſagte Laute, die ſie von Niemanden gehört hatte. Als ſie in ihren Spielen vorrückte und behender ward, ver⸗