Teil eines Werkes 
2. Band (1855)
Entstehung
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eltern ſtanden und ſtehen. Wenn die Gebeine eines Geweſenen ſchon verkommen ſind, vder zerſtreut in einem Winkel und im Graſe des Kirch⸗ hofes liegen, ſtehen noch ſeine bleichenden Schreine in der alten Woh⸗ nung, ſind zuletzt die beiſeite geſetzten älteſten Dinge, und werden ſo wieder die Geſpielen der jüngſten, der Kinder.

Es iſt etwas Rührendes in dieſen ſtummen unklaren Erzählern der unbekannten Geſchichte eines ſolchen Hauſes. Welches Wehe und welche Freude liegt doch in dieſer ungeleſenen Geſchichte begraben, und bleibt begraben. Das blondgelockte Kind und die neugeborne Fliege, die da⸗ neben im Sonnengolde ſpielt, ſind die letzten Glieder einer langen unbe⸗ kannten Kette, aber auch die erſten einer vielleicht noch längern, noch un⸗ bekannteren; und doch iſt dieſe Reihe eine der Verwandtſchaft und Liebe, und wie einſam ſteht der Einzelne mitten in dieſer Reihe! Wenn ihm alſo ein blaſſend Bild, eine Trümmer, ein Stäubchen von denen erzählt, die vor ihm geweſen, dann iſt er um viel weniger einſam. Und wie be⸗ deutungslos iſt dieſe Geſchichte; ſie geht nur zum Großvater oder Ur⸗ großvater zurück, und erzählt oft nichts als Kindtaufen, Hochzeiten, Be⸗ gräbniſſe, Verſorgung der Nachkommen aber welch ein unfaßbares Maß von Liebe und Schmerz liegt in dieſer Bedeutungsloſigkeit! In der andern, großen Geſchichte vermag auch nicht mehr zu liegen, ja ſie iſt ſogar nur das entfärbte Geſammtbild dieſer kleinen, in welchem man die Liebe ausgelaſſen, und das Blutvergießen aufgezeichnet hat. Allein der große goldene Strom der Liebe, der in den Jahrtauſenden bis zu uns herab geronnen, durch die unzählbaren Mutterherzen, durch Bräute, Vä⸗ ter, Geſchwiſter, Freunde, iſt die Regel, und ſeine Aufmerkung ward ver⸗ geſſen; das andere, der Haß, iſt die Ausnahme, und iſt in tauſend Bü⸗ chern aufgeſchrieben worden.

Da der Vater noch lebte, durfte von des Doctors Habſchaften nichts verrückt werden, da er ihn hoch verehrte und faſt ausſchließlich immer in einem ledernen Handſchriftenbuche desſelben las, welches Buch aber ſpä⸗ ter ganz abhanden gekommen war. In jener Zeit ſtand der alte Haus⸗ rath noch wie eine eherne Chronik umher; wir Kinder lebten uns hinein, wie in ein verjährtes Bilderbuch, dazu der Großvater die Auslegung wußte, und erzählte, er, der der eigentlichſte lebendigſte Lebensbeſchreiber ſeines Vaters des Doctors war.