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Wenn er manchen Abend zwiſchen dieſen Denkmalen niederſaß und in dem Buche ſeiner Jugend nachſann, deſſen Zeichen bloß tiefe Stirn⸗ runzeln und weiße Haupthaare waren, und von den Thaten und Aben⸗ teuern des Doctors erzählte, von ſeiner Furchtloſigkeit bei Tag und Nacht, in Wald und auf Haiden, wenn er ſo zu ſeinen Kranken fuhr— wie er Scherze und Schnurren trieb— wie er Arzneigläſer hatte, die roth und blau glänzten, wie Karfunkel und Edelſtein— wie er Macht hatte über die Dinge auf der Erde und in der Luft—— und wenn nun das eine und andere Geräthſtück, wie es ja noch leibhaftig vor uns ſtand, anfing in der Geſchichte mit zu ſpielen, bald, weil es in einem be⸗ deutungsvollen Augenblicke in ihm krachte, oder plötzlich ein Glas den Platz wechſelte— bald, weil ein Schwerverwundeter darauf ächzte, wie ihm der Doctor den Körper wieder fügte, den ein Waldbaum gänzlich auseinander geſchlagen hatte— bald, weil ein unergründlich Geheimniß der Heilkunde darinnen verſchloſſen geweſen; ſo ergoß ſich eine unſägliche Bedeutung und Zauberei um die veralteten Geſtalten; wir getrauten uns kaum hinzuſehen, wie alles in hellem Kerzenlichte umher ſtand, und ent⸗ ſchiedene Schatten warf; tief hinten ein Schrank, hoch und dünn, wie Ritterfräulein, die in ein Leibchen gepreßt ſind; es war, als ſtünden Dinge auf ihm, die am Tage gar nicht dort ſtehen— dann der Arznei⸗ ſchragen, der gleichſam heimlich immer glänzender wurde— der Ahorn⸗ tiſch mit dem eingelegten perlenmutternen Oſterlamme— die Uhr mit der Spitzhaube— der lange Lederpolſter auf der Bank mit Bärentatzen, die wie lebendige griffen— endlich am Fenſter, mit bleichen Tropfen des hereinſcheinenden Mondes betupft, das Schreibgerüſte, vielfächrig, go⸗ thiſch, mit einem koſtbaren Geländer, auf dem braune Fröſche paßten und gleißten, die Schreibplatte überwölbt mit einem hölzernen Balda⸗ chine, wie mit einem Herdmantel, darauf oben ein ausgeſtopfter Balg ſaß, den man nicht mehr kannte, und den wir jedes Abends fürchteten — und wenn der einzige Hort, der Vater, der auf dieſe Erzählungen nichts hielt, in der Ofenecke eingeſchlummert war, und der Mondenglanz der ſcharfen taghellen Winternacht in den Ecken der gefrierenden Fenſter⸗ ſcheiben ſtarrte, ſo wehte ein ſolches Geiſterfieber in der Stube, es hatte ſelbſt die Mutter ſo ergriffen, und war über die Mägde hinaus gekom⸗ men, die gerne in der Küchenſtube daneben ſaßen und ſpannen, daß, wenn jetzt jemand am äußeren Thore geklopft hätte, es unmöglich gewe⸗


