Teil eines Werkes 
2. Band (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

von meinen Mitſchülern ſtets nur Hohn und Spott erntete, obgleich mir mein kleines Herz jedesmal um den verſtorbenen Vater ſehr weh that, wenn ich an Sonntagen das ſo oft verehrte Tuch auf meinen Armen ſah.

Früher mochten noch mehrere Gedenkſachen allgemach den Weg der Zerſtörung und Vergeſſenheit gegangen ſein. Ich denke noch klar eines Wintermorgens, an dem man daran ging, das Ungeheuer eines weichen Schreines mit Aexten zu zerſchlagen, das ſeit Kindesdenken prangend mit dem eingelegten WorteZehrgaden wie ein Schloß neben der Küche ge⸗ ſtanden war, und ich weiß noch heute recht gut, wie ich damals als win⸗ ziges Kind einen beinahe bitteren Schmerz empfand, als der wunderbare kaffeebraune Berg vor mir in lauter ſchnöde Späne zerfiel, im Innern

zu höchſter Ueberraſchung ſo gewöhnlich weiß, wie die Tannenſcheite im

Hofe. Lange nachher hatte ich immer ein Gefühl verletzter Ehrfurcht, ſo oft ich die große lichte Stelle an der Mauer ſah, wo er geſtanden war.

Und wie Vieles mochte in der vordenklichen Zeit verloren ſein. Wie oft, wenn wir Wallfahrer ſpielten, und ein Fähnlein auf einem langen Stabe tugen, dazu wir einen Lappen aus dem Kehrichte gezogen hatten, mochte der Lappen aus einem ſchmeichelnden Kleide geweſen ſein, das einſt die Glieder eines lieben Weibes bedeckt hat. Oder wir ſaßen im Graſe, ſtreichelten mit den Fingern an den ſchillernden Fäden des hinge⸗ ſunkenen Fähnleins und ſangen:Margaretha, Margaretha; denn die Mutter hatte uns oft von einer Margaretha erzählt, die eine ſchöne weiche Frau unſerer Vorfahren geweſen ſein ſoll. Wir ſangen:Mar⸗ garetha, Margaretha, bis wir ſelber eine Art Furcht vor dem Lappen hatten.

Wie der Menſch doch ſelber arbeitet, daß das vor ihm Geweſene verfinke, und wie er wieder mit ſeltſamer Liebe am Verſinkenden hängt, das nichts anderes iſt, als der Wegwurf vergangener Jahre. Es iſt dies die Dichtung des Plunders, jene traurig ſanfte Dichtung, welche bloß die Spuren der Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit prägt, aber in dieſen Spuren unſer Herz oft mehr erſchüttert, als in anderen, weil wir auf ihnen am deutlichſten den Schatten der Verblichenen fortgehen ſehen, und unſern eignen mit, der jenem folgt. Darum hat der Großſtädter, der ſtets erneuert, keine Heimath, und der Bauersſohn, ſelbſt wenn er Groß⸗ ſtädter geworden iſt, hegt die heimliche ſanft ſchmerzende Rückliebe an ein altes ſchlechtes Haus, wo die Bretter, Pfähle und Truhen ſeiner Vor⸗